Die Kritik des Substanzbegriffs.
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Satz, dass das Ganze grösser als der Teil, liessen sich, nach Tho-
mas von Aquino, nicht denken, wenn ums nicht die Begriffe des
Ganzen und des Teiles zuvor durch die Sinne und die Erfahrung
bekannt geworden wären. So bleibt das „Phantasma“ nicht nur
als unumgänglich notwendige Begleitung, sondern als der eigent-
liche Urgrund des abstrakten Denkens anerkannt, Die Einwände,
die Pico gegen diese Voraussetzung selbst erhebt, bieten zunächst
keine neuen sachlichen Gesichtspunkte dar. Sie beschränken sich
darauf, auf die allgemeine Unsicherheit der Sinnesempfindung hin-
zuweisen, die durch kein Kriterium bewährt und unterschieden
werden kann. Die Auskunft, dass die Daten der verschiedenen
Sinne sich gegenseitig erhellen oder korrigieren, ist hinfällig,
denn welche Regel lehrt uns, unter entgegengeseizten Aussagen
der Empfindung eine Wahl und eine Entscheidung zu treffen?
Die Wahrnehmung vermag an keiner Stelle den Gegenstand nach
seiner vollen und wahrhaften Natur zu erfassen, da sich in ihr nicht
sowohl die Sache, wie die wandelbare Bestimmitheit des Subjekts
ausdrückt und widerspiegelt: „varia est sensus ipsa nalura, non
ex rei solum quae objiecitur variclate, sed ex varietate humani
tiemperamenti, quod etiam suapte natura mutatur“.”) Damit aber
antdeckt sich uns alsbald der Widerstreit, der im Aristotelischen
System zwischen dem Ziele besteht, das der Erkenntnis zuletzt
zewiesen wird und dem Grundmittel, mit dem es erreicht
werden soll. Jegliche Einsicht in die „substantiellen Formen“ der
Dinge ist nach den eigenen Voraussetzungen der Lehre unmöglich.
Wollte man etwa erklären, dass die Substanz der Aussendinge
nicht durch die Sinne allein, sondern durch die Zusammen-
wirkung der Wahrnehmung mit dem Intellekt erfasst und ins
Bewusstsein überiragen wird: SO wäre damit bereits die feste und
eindeutige Ordnung der Erkenntnis verlassen, die Aristoteles
Jdurch den Grundsatz festgestellt hat, dass Nichts im Intellekt
sich findet, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen wäre. Ge-
stehen wir aber der Empfindung wiederum diese leitende und
entscheidende Rolle zu, so bleiben wir damit — abermals nach
dem eigenen Zeugnis und Zugeständnis des Aristoteles — dauernd
in das Reich der veränderlichen und zufälligen „Accidentien“
gebannt. Denn die Umwandlung von der sinnlichen zur „intelli-
siblen“ Spezies, die „Auswicklung“ des allgemeinen geistigen