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vor. Denn die Anschauungen und das Verhalten der
politisch führenden Kreise und die sozialen und rechtlichen
Institutionen änderten sich nicht so schnell wie
die wirtschaftlichen Verhältnisse, und so ergab sich
bald eine Diskrepanz zwischen beiden, wie sie niemals
vorher existiert hatte: Altes Recht, alte Politik, alte
Ideale und Lebensgewohnheiten sind ja stets viel
zäher als die Tatsachen des Lebens, aus denen sie
geboren wurden. Das ist ganz verständlich, denn
nichts fällt dem Menschen so schwer, als sich umzudenken
und Dinge anzuerkennen, die „nicht schon
immer so waren“. Das ist ferner auch ganz gut, denn
nur das Festhalten der gegebenen Denkgewohnheiten
macht promptes und konsequentes Handeln möglich.
Aber aus solcher Diskrepanz muß soziale Unzufriedenheit,
soziales Unbehagen folgen — in der Tat
haben Unzufriedenheit und Unbehagen gar nie andere
Ursachen. Und wie der Leidende erst sich seiner
Organe und ihrer Funktionen bewußt wird, an die
er bei voller Gesundheit nie dachte, so wurde man
damals der Lebensfunktionen der Gesellschaft gegewahr,
an die früher nur Einzelne überhaupt gedacht
hatten. Jetzt wurden diese Funktionen, wurde die Gesellschaft
selbst zum Problem. Man fragte und untersuchte
auch dort, wo man früher nichts zu fragen
gehabt hatte. Der gleichsam fieberhaft gesteigerte
Lebensprozeß der Gesellschaft trieb auf allen Gebieten
der Wissenschaft Blüten, vor allem aber eröffnete
sich nun der weite Problemkreis der Sozialwissenschaften.
Viele Dinge wurden nun erklärungsbedürftig,
die früher selbstverständlich gewesen