Full text : Fortschritt und Armut

's  sH  Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.  Buch  II.

könnten,  wo  nicht  für  sie  gesorgt  werden  kann,  entsteht  nicht  aus  den
Satzungen  der  Natur,  sondern  aus  sozialen  Mißverhältnissen,  die  inmitten ­
  des  Reichtums  Menschen  zum  Mangel  verurteilen.  Diese  Wahrheit ­
  wird,  glaube  ich,  überzeugend  bewiesen  werden,  wenn  wir  nach
Ebnung  des  Terrains  dem  wahren  Gesetze  der  sozialen  Entwicklung
nachspüren.  Es  würde  jedoch  den  natürlichen  Gedankengang  stören,
dieselbe  jetzt  vorwegzunehmen.  Ist  es  mir  gelungen,  die  Negative  zu
rechtfertigen  —  zu  zeigen,  daß  die  Malthussche  Theorie  durch  die  Gründe,
auf  die  sie  sich  stützt,  nicht  zu  beweisen  ist  —>,  so  genügt  das  für  jetzt.  Jm
nächsten  Kapitel  beabsichtige  ich  zu  dem  positiven  Beweis  überzugehen
und  zu  zeigen,  daß  sie  auch  durch  die  Tatsachen  widerlegt  wird.

Kapitel  IV.
Widerlegung  der  Malthusschen  Theorie.
So  tief  gewurzelt  und  gänzlich  mit  den  Ansichten  der  herrschenden
Nationalökonomie  die  Lehre  verflochten  ist,  daß  die  Bevölkerungszunahme ­
  den  Arbeitslohn  drücken  und  Armut  hervorbringen  müsse,  so
vollständig  stimmt  sie  auch  mit  vielen  volkstümlichen  Ansichten  überein,
und  sie  vermag  in  so  verschiedenen  Gestalten  wiederzukehren,  daß  ich
es  für  nötig  erachtet  habe,  die  Unzulänglichkeit  der  Gründe,  auf  die  sie
sich  stützt,  ausführlicher  zu  beweisen,  ehe  ich  sie  an  den  Tatsachen  prüfe;
denn  die  allgemeine  Annahme  dieser  Theorie  fügt  den  vielen  Beispielen,
welche  die  Geschichte  des  Denkens  dafür  bietet,  wie  leicht  die  Menschen
Tatsachen  mißachten,  wenn  sie  durch  eine  vorgefaßte  Theorie  geblendet
sind,  ein  sehr  schlagendes  hinzu.
Gar  leicht  können  wir  diese  Theorie  den  Tatsachen  gegenüber  aus
die  höchste  und  entscheidende  probe  stellen.  Offenbar  ist  die  Frage,
ob  die  Bevölkerungszunahme  notwendig  den  Arbeitslohn  drücken  und
Mangel  hervorbringen  müsse,  gleichbedeutend  mit  der  Frage,  ob  sie
die  Summe  von  Gütern,  die  von  einer  gegebenen  Summe  von  Arbeit
produziert  werden  kann,  reduzieren  müsse.
Das  ist  es,  was  die  herrschende  Lehre  behauptet.  Man  nimmt
an,  daß  die  Natur,  je  mehr  von  ihr  gefordert  wird,  desto  weniger  freigebig ­
  sei,  so  daß  die  doppelte  Arbeit  nicht  das  doppelte  Produkt  ergeben
könne;  und  daß  somit  die  Bevölkerungszunahme  den  Lohn  drücken
und  tiefere  Armut  bringen  oder,  mit  Malthus'  Worten,  in  Laster  und
Elend  enden  müsse.  In  John  Stuart  Mills  Sprache  lautet  derselbe
Gedanke  folgendermaßen:
jedem  gegebenen  Zustande  der  Zivilisation  kann  eine  größere  Anzahl  von
Menschen,  als  Gesamtheit  genommen,  nicht  so  gut  versorgt  werden,  wie  eine  kleinere.
            
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