Full text : Fortschritt und Armut

Buch  V.

2\^  Das  Problem  gelöst.

welche  die  Güter  der  Gesellschaft  ausmachen  und  selbst  für  die  primitivsten ­
  Bedürfnisse  nötig  sind;  der  nicht  nur  nicht  imstande  ist,  die  für
seine  Arbeit  erforderlichen  Werkzeuge  zu  machen,  sondern  oft  mit  Werkzeugen ­
  arbeitet,  die  ihm  nicht  gehören,  und  die  er  nie  hoffen  darf,  sein
eigen  zu  nennen.  Gezwungen  zu  härterer  und  andauernderer  Arbeit
als  selbst  der  wilde  und  nicht  mehr  als  er,  nämlich  nur  das  zum  Leben
Nötigste  gewinnend,  verliert  er  dagegen  die  Unabhängigkeit  des  wilden.
Nicht  allein  ist  er  unfähig,  seine  Kräfte  zur  direkten  Befriedigung
seiner  Bedürfnisse  anzuwenden,  sondern  er  ist  ohne  die  Mitwirkung  vieler
anderer  auch  unfähig,  sie  indirekt  dazu  zu  verwenden.  Er  ist  ein  bloßes
Glied  in  einer  ungeheuren  Kette  von  Produzenten  und  Konsumenten,
ohne  sich  davon  trennen  und  ohne  sich  anders  bewegen  zu  können,  als
wie  sie  sich  bewegen.  Je  schlechter  seine  Lage  in  der  Gesellschaft,  desto
abhängiger  ist  er  von  der  Gesellschaft;  desto  unfähiger  wird  er,  etwas
für  sich  zu  tun.  Selbst  die  Möglichkeit,  seine  Arbeit  zur  Befriedigung
seiner  Bedürfnisse  zu  verwenden,  entschlüpft  seiner  Herrschaft  und  kann
ihm  genommen  oder  zurückgegeben  werden  durch  die  Handlungen  anderer
oder  durch  allgemeine  Ursachen,  über  die  er  nicht  mehr  Einfluß  hat  als
über  die  Bewegungen  des  Sonnensystems.  Der  Fluch,  der  über  Adam
verhängt  wurde,  wird  als  ein  Segen  angesehen,  und  die  Menschen  denken,
sprechen,  schelten  und  machen  Gesetze,  als  ob  monotone  Landarbeit
an  sich  selbst  ein  Glück  und  nicht  ein  Übel,  ein  Zweck  und  nicht  ein  Mittel
wäre.  Unter  solchen  Umständen  verliert  der  Mensch  die  wesentliche
Eigenschaft  der  Menschheit,  die  göttergleiche  Macht,  die  Verhältnisse
zu  ändern  und  zu  beherrschen.  Er  wird  ein  Sklave,  eine  Maschine,  eine
Ware,  eine  Sache  —  ein  Ding,  das  in  manchen  Beziehungen  unter  dem
Tiere  steht.
Ich  bin  kein  sentimentaler  Verehrer  des  Zustandes  der  wilden.
Ich  entlehne  meine  Ansichten  über  die  rohen  Kinder  der  Natur  nicht
aus  Rousseau,  Lhateaubriand  oder  Eooper.  Ich  kenne  ihre  materielle
und  geistige  Armut  und  ihren  niedrigen  und  engen  Horizont  wohl.
Ich  glaube,  daß  die  Zivilisation  nicht  nur  die  natürliche  Bestimmung
des  Menschen  ist,  sondern  auch  alle  seine  Kräfte  befreien,  erhöhen  und
verfeinern  wird,  und  bin  der  Ansicht,  daß  ein  Mann,  der  sich  der  Vorteile ­
  der  Zivilisation  erfreut,  nur  in  einer  Stimmung,  die  ihn  verführt,
die  wiederkäuenden  Rinder  zu  beneiden,  den  Verlust  des  Naturzustandes
bedauern  kann.  Nichtsdestoweniger  aber  bin  ich  der  Meinung,  daß
niemand,  der  seine  Augen  nicht  vor  den  Tatsachen  schließt,  dem  Schlüsse
widerstehen  kann,  daß  es  im  Kerzen  unserer  Zivilisation  große  Klassen
gibt,  mit  denen  der  wildeste  Naturmensch  nicht  würde  tauschen  mögen.
Es  ist  meine  wohlerwogene  Ansicht,  daß,  wenn  jemandem  an  der  Schwelle
des  Lebens  die  Wahl  gelassen  würde,  als  Feuerländer,  Australneger,
Eskimo  oder  als  ein  Mitglied  der  untersten  Klassen  in  einem  so  hoch^
zivilisierten  Lande  wie  Großbritannien  ins  Dasein  zu  treten,  er  eine
unendlich  bessere  Wahl  treffen  würde,  wenn  er  das  Los  des  wilden
            
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