man will, immer wird man Minderheiten dabei in die anderen Staaten
zwingen, die dann wiederum unterdrückt werden. Es ist vielleicht
von Interesse, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß bei
lem Abschluß der Friedensverträge die Großstaaten die kleinen
Staaten gezwungen haben, Klauseln und Garantien über die Rechte
der Minoritäten anzunehmen. Natürlich soll damit keineswegs ge-
sagt werden, daß die imperialistischen Staaten diese Frage besonders
ernst‘ gemeint haben, denn bis heute regt sich nirgends in diesem
Lager eine Stimme, wenn in einem Lande die Minoritäten physisch
vernichtet werden.
Ich gehe nun zu den konkreten Verhältnissen in den verschie-
denen Ländern über und beginne mit der Tschechoslowakei. Nach
der offiziellen Statistik gibt es im Lande 66 Prozent Tschechen und
Slowaken (es ist interessant, zu bemerken, daß die tschechische Re-
gierung die Tschechen und Slowaken als eine Nation betrachtet),
23 Prozent Deutsche, 6 Prozent Ungarn, 3% Prozent Russen
(Ukrainer) und % Prozent Polen, Hier hat die Unterdrückung der
Minoritäten noch nicht die groben Formen angenommen, die wir wo
anders finden, Die Rechte sind durch Verfassung und das Sprachen-
gesetz garantiert und diese Vorschriften werden auch im großen und
ganzen eingehalten, Aber es gibt allerlei Kniffe, Wenn eine Mino-
tität Rechte ausüben will, muß sie mindestens 20 Prozent stark sein.
Dann kann die Partei vor der Behörde in ihrer Sprache verhandeln,
die Eingaben müssen auch in ihrer Sprache erledigt werden usw.
Die schikanöse Kleinlichkeit der Handhabung sieht man aber am
desten an Beispielen. Wenn z, B. in Prag zwei Deutsche miteinander
einen Prozeß haben, und alle Richter der deutschen Sprache mächtig
sind, wird trotzdem in tschechischer Sprache verhandelt, Wenn in
einem Bezirk 19 Prozent Deutsche, 19 Prozent Ungarn und noch etwa
19 Prozent Ukrainer leben, also 57 Prozent anderssprachige wohnen,
wird trotzdem in der „Staatssprache” verhandelt, denn die 20 Pro-
zent werden für jede Minorität besonders berechnet, Aehnliche
Schikanen sind es, wenn nicht nur Beamte, sondern auch Arbeiter aus
dem Staatsdienst entlassen werden. weil sie die „Staatssprache”
nicht beherrschen,
Ganz anders wird aber die Sache, wo sich der Sprachenver-
schiedenheit auch sozialrevolutionäre Gegensätze zugesellen, Dann
verlieren auch im Lande der „Ordnung' die geschriebenen Gesetze
ihre Kraft. Die Arbeiterschaft in der Slowakei und fast die gesamte
arme Bevölkerung von Karpathorußland ist revolutionär orientiert.
Nach den Friedensverträgen sollte Karpathorußland Autonomie mit
eigenem Parlament bekommen. Zehn Jahre sind beinahe vergangen
and der Landtag für Karpathorußland ist noch immer nicht da! Und
die Slowakei wird wie eine Kolonie von tschechischen Beamten
faschistischen Schlages bewirtschaftet,
Wenn wir uns nach Polen wenden, finden wir etwa folgende Ver-
hältnisse: nur 69 Prozent sind Polen, 31 Prozent Anderssprachige, dar-
unter etwa 7 Millionen Ukrainer, über 2 Millionen Weißrussen, über
2 Millionen Juden, eine Million Deutsche, 200 000 Litwiner, 75 000
Tschechen, Noch deutlicher sprechen die Ziffern nach den einzelnen
Palatinaten (Wojwodstwa): Wilna 62,6 Prozent Anderssprachige,
Polesien 78,2 Prozent, Wolhynien 85,5 Prozent, Lemberg 43,92 Prozent,
Stanislawow 78 Prozent. Auch in Polen garantiert die Verfassung die