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wurde, leugnet sie jeden Einfluß des Geldes auf die Preisbildung.
Rein wirtschaftlich trifft das auch zu: rein wirtschaftlich entscheidet
über den Marktwert der Güter nur das naturale Verhältnis des
gesellschaftlichen Gütervorrats (einschließlich der wirtschaftlichen
„Kräfte“) und Bedarfs; das Geld ist insoweit nur Preisausdruck,
nicht Preisfaktor, ist Diener am Markte, nicht Herr. Aber das
tatsächliche Wirtschaftsleben, der wirkliche Marktverkehr der
kapitalistischen Wirtschaft ist von der Idealgestalt der reinen
Wirtschaft unendlich weit entfernt, und zwar gerade dadurch, daß
man die Herrenrolle des Geldes von der Einzelwirtschaft auf die
Gesamtwirtschaft (Volkswirtschaft) übertragen hat. „Die historische
Wirklichkeit tritt immer nur als Herabsetzung des reinen Geld-
begriffs (des bloßen Ausdrucks des gegenseitig gemessenen Wertes
der Dinge) vermittels des Eigenwertbegriffes des Geldes auf“
(Simmel, S, 135). Das Geld ist kein Wirtschaftsgut, ist keine
Ware — aber man hat es im Laufe der geschichtlichen Entwicklung
immer für eine solche gehalten, hat es dazu gemacht. Kann es
zwar niemals positiv auf die Preisbildung, die gesellschaftliche
Bewertung der Tauschgüter einwirken, so kann es doch die Markt-
verhältnisse durch sein Nicht-Funktionieren stören und damit einen
negativen Einfluß auf die Gestaltung der Preise gewinnen: Alle
„Geldwerttheorien“ sind im Grunde Geld-Unwert-Theo-
rien; denn sie sollen die Mängel des Geldumlaufs klären und
Mittel zu ihrer Überwindung finden helfen. Über diese Mängel,
um derentwillen man ja hauptsächlich die Abschaffung des Geldes
fordert, hier noch einige grundsätzliche Bemerkungen; insbesondere
über die Störungen, welche auf die privatwirtschaftliche Über-
schätzung der Kaufkraftbedeutung des Geldes und deren Mißbrauch
im Marktverkehr zurückzuführen sind.
ı. Das Geld ist eins der bedeutungsvollsten Verkehrsmittel
in der Marktwirtschaft. Während aber die anderen von der All-
gemeinheit benutzten Werkzeuge den Verkehr nach einem streng
eingehaltenen Fahrplan vermitteln, wird der Geldumlauf grund-
sätzlich nur durch das „Selbstinteresse“ der Wirtschaftspersonen
geregelt, das keineswegs immer rein wirtschaftlich bestimmt ist.
(Die Zentralisierung der Notenausgabe und die Diskontpolitik sind
schon bedeutsame Schritte von der Verkehrs- zur Verwaltungs-
wirtschaft; vgl. unten 4. Kapitel.) So veranlassen vielfach ihre
privatwirtschaftlichen Interessen die Wirtschaftspersonen, das Geld
dem Verkehr zu entziehen, um die in ihm verkörperte Kaufkraft
aufzuspeichern: einen Geldschatz aufzuhäufen.