Einleitung.
1. Gegenstand und Gliederung der Soziologie.
L. Daß sich eine Wissenschaft in einem unfertigen Zustande befindet,
hat nichts Auffälliges an sich. Dagegen ist es ein ungewöhnliches Schauspiel,
wenn ein Erkenntnisgebiet von allen möglichen Seiten als eine fertige
Wissenschaft angesprochen und behandelt wird, während es in Wirklichkeit
kaum über die ersten Anfänge einer solchen hinausgekommen
ist. In dieser merkwürdigen Lage befindet sich die Soziologie. Alle Welt
spricht von der Soziologie als einer fertigen Wissenschaft. Es gibt Kongresse
und Gesellschaften, Lehrstühle und Institute für sie; und die
beteiligten Personen vertreten stillschweigend oder ausdrücklich die eben
genannte Auffassung. In Wirklichkeit aber könnte man mit denjenigen
einschlägigen Erkenntnissen, die spezifisch soziologischer Natur sind und
nicht etwa Gebieten angehören, die anerkanntermaßen zu anderen Disziplinen
zu zählen sind, kaum ein paar Bände füllen. Der Sachverhalt
erinnert an Andersens bekanntes Märchen von dem Kaiser, an dem alle
Welt seine schönen Kleider zu rühmen weiß, während er in Wirklichkeit
gar keine trägt.
Zu erklären ist dieser merkwürdige Widerspruch wohl daraus, daß
die Soziologie nicht nur einem immanenten Erkenntniswillen (d. h. einem
von Haus aus unmittelbar auf ihren Gegenstand gerichteten Erkenntniswillen)
entsprungen ist — denn ein reiner Forschungswille würde mehr
in der Stille seinem Ziele nachgehen —, sondern noch andere Motive
(also Fremdinteressen) für ihren heutigen Zustand mit verantwortlich
sind. In der Tat sprechen bei der Soziologie teils praktische Motive,
teils Bedürfnisse anderer Wissenschaften von Anfang an bis auf den heutigen
Tag mit. Es haben eine Fülle der verschiedensten Interessen zur
Entstehung und Entwicklung dessen, was unter Soziologie verstanden
wird, zusammengewirkt; und bei ihrer Verschiedenartigkeit war die
innere Einheit und Geschlossenheit des neuen Gebildes von vornherein
in Frage gestellt. So wollte Comte die Geschichte der Menschheit auf allgemeine
Gesege bringen und dadurch ihr Schicksal vorausbestimmen.
Ein zweiter Antrieb entsprang der Einsicht in die Bedeutung des Milieus.
Weiter wirkte Marx stark ein mit seiner Lehre vom Über- und Unterbau.
Vierkandt, Gesellschaftslehre.