Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
auch seines Urhebers. Wie das souveräne Individuum in den 
Dingen dieser Welt als Gegenpol die Souveränität des Staates 
forderte, der es ohne irgendwelche Zwischenglieder als der sich 
ständig auswirkenden Willensmeinung seiner Summationen 
gegenuͤberstand, so erfordert dieses selbe souveräne Individuum 
in den überirdischen Dingen als Gegenspiegelung die Annahme 
eines göttlichen Absoluten. In diesem inneren Zusammenhang 
hatte sich für Descartes die unmittelbare Deutlichkeit der 
Gottesidee als eine unumgängliche Forderung des Zeitalters 
eingestellt; in diesem Zusammenhang ergab sich diese Deutlich— 
keit auch für Spinoza. Allein wenn dann der Gott des Des⸗ 
dartes im Grunde als der persönliche Gott des dogmatischen 
christlichen Offenbarungsglaubens erschienen war, so war der 
Gott Spinozas vielmehr der eines überzeugten mystischen Pan⸗ 
theismus. Die intellektuelle Liebe zur Gottheit, dies alte Pro⸗ 
blem der platonischen wie der christlich-mittelalterlichen enthu⸗ 
fiastischen Mystik: in diesem Sohne Israels erwachte es von 
euem in reinerer und fast unheimlich brennender Glut!. Und 
Gewiß kann man den Gottesbegriff Spinozas auch aus Descartes 
ableiten. Descartes selbst sagt: „In der Idee oder dem Begriffe jedes 
Wesens liegt die Existenz; in dem Begriffe eines begrenzten Wesens liegt 
dieselbe als möglich oder zufällig, sie liegt als notwendig und vollkommen 
in dem Begriffe des vollkommensten Wesens.“ Und es ist an sich richtig, 
wenn Windelband (Die Lehre vom Zufall, S. 73) dem hinzufügt: „Der 
ganze Spinozismus ist nichts anderes als die Ausführung dieses Be— 
griffes einer im Wesen enthaltenen und durch die Definition gegebenen 
Rotwendigkeit des Seins: denn der Substanzbegriff der causa sui ist diefe 
Vereinigung der Unbedingtheit mit der kausalen Notwendigkeit;“ vgl. auch 
Wundt, Logik 12 S. 585 ff. Gleichwohl war es schwerlich diese logische 
Ableitung, der Spinoza seinen Gottesbegriff verdankte, sondern vielmehr 
das Wesen seiner eigenen Perjönlichkeit. In der Geschichte der Philosophie 
ist es möglich, fast alle aufeinanderfolgenden Systeme aus den Gedanken⸗ 
reihen der jeweils vorhergehenden durch logischen Schluß abzuleiten, aber 
diese logischen Ableitungen, die in sehr verschiedenen Kombinationen und 
Permutationen der Endsumme ihrer Schlüsse gedacht werden können, sind 
nicht immer die historischen, unter denen man ebenfalls wieder die ge— 
legentlich recht zufuͤlligen Beweisableitungen der einzelnen Philosophen und 
die tieferen historischen Zusammenhänge, die in ihnen als allgemeine Mo— 
tive wirken, unterscheiden kann.
	        
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