Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

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Erwin  Respondek,

Frankreichs  Stellung  als  erster  Kapitalgeber  in  Europa  und  der
übrigen  Welt  empfing  durch  diese  Ausfälle  an  Zinsen  einen  scharfen
und  gefährlichen  Stoß.  In  der  letzten  Zeit  werden  die  Zinszahlungen
wieder  regelmäßiger  aufgenommen  sein,  wenigstens  von  einigen  der
genannten  Staaten.  Neben  den  Zinsleistungen  aus  staatlichen  oder
staatlich  garantierten  Anleihen  sind  an  die  französischen  Kapitalisten
auch  die  Dividendenzahlungen  zu  leisten  von  einer  großen  Anzahl  fremder ­
  Unternehmen,  die  sich  in  industrieller,  landwirtschaftlicher  und
kaufmännischer  Richtung  betätigen.  Von  ihnen  stockte  die  Remittierung
  der  Zinszahlungen  gleichfalls  längere  Zeit,  und  sie  ist  heute  noch
nicht  im  vollen  Umfange  und  von  allen  Seiten  aufgenommen.  In
einer  Senatrede  vom  30,  März  1916  gestand  der  Finanzminister  den
hohen  Ausfall  an  den  Zins-  und  Dividendenleistungen  von  ausländischen
Wertpapieren  ein.  Er  bestätigt,  daß  die  Koupons  einer  großen  Reihe
von  Auslands-Anleihen  unbezahlt  bxeiben,  sucht  aber  sofort  die  schmerzliche ­
  Seite  dieses  Zugeständnisses  abzuschwächen,  indem  er  behauptet,
daß  trotz  alledem  noch  gegen  3000  Milk  Frcs.  Koupons  zur  Einlösung
gelangen,  wobei  er  wohl  den  gesamten  Zinsverdienst  aus  etwa  120—125
Milliarden  Frcs.  Wertpapiere  an  den  französischen  Kapitalisten  im
Auge  haben  dürfte.  Die  „Frankfurter  Zeitung“,  die  als  Gesamtbestand
an  Wertpapieren  rund  110  Milliarden  Frcs.  (vgl.  die  Berechnungen
auf  S.  114)  annimmt,  bemerkt  zu  der  Behauptung  Ribots:  „Entschieden
falsch  dürfte  die  Angabe  sein,  daß  immerhin  noch  3  Milliarden  Frcs.
Koupons  zur  Einlösung  gelangten“ 1 ).
Leider  vermögen  diese  Ausführungen  nicht  auf  eine  zahlenmäßige
Grundlage  gestellt  zu  werden,  da  jeder  sichere  Anhaltspunkt  für  eine
Berechnung  der  Zinseneingänge  fehlt.  Lediglich  auf  Schätzungen  ein
Bild  zu  konstruieren,  ist  auch  bei  vorsichtiger  und  möglichst  genauer
Berücksichtigung  der  Fehlerquellen  nicht  angängig.  Daher  muß  als  Endresultat ­
  für  die  Veränderung,  den  Ausfall  aus  diesem  Posten,  die  Ansicht ­
  ausgesprochen  Werden,  daß  die  Mindereingänge  an  Zinsen  aus  den
gesamten  Schuldnerstaaten  eine  sehr  beträchtliche  Höhe  erreichen
und  von  einem  großen  Einfluß  auf  der  Aktivseite  der  Zahlungsbilanz
sein  werden.
Noch  einige  weitere  Posten  der  Zahlungsbilanz  wären  zu  nennen,
deren  Ertrag  ganz  fortfällt  oder  vermindert  wird,  wie  etwa  die  Schwierigkeiten ­
  im  Verkaufe  von  Effekten,  da  die  Mehrzahl  der  Börsen  geschlossen
ist.  An  der  Londoner  Börse  z.  B.  konnte  bis  zum  Februar  des  Jahres
1916  kein  Franzose  auch  nur  1  Pfund  fremder  oder  eigener  Effekten
verkaufen.  Dann  der  Ausfall  von  Einnahmen  aus  dem  Fremdenverkehr,
die  Unterbrechung  jeglicher  Banktätigkeit  zur  Vermittlung  von  Kreditgeschäften ­
  und  endlich  —  hier  als  letztes  Äquivalent,  sonst  aber  steht
es  an  erster  Stelle  —  die  effektive  Unmöglichkeit,  die  heimische  Produktion ­
  zu  fördern,  um  Waren  mit  Waren  zu  bezahlen,  also  die  Passivität
der  Handelsbilanz  durch  gesteigerten  Güterexport  zu  beseitigen.  Alle
J )  Frankfurter  Zeitung,  Nr.  97,  7.  April  1916.
            
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