Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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die  seitdem  von  einer  großen  Menge  Schriftstellern  wieder  aufgenommen
worden  ist,  —  ist  nicht  einwandfrei.  Die  Schwierigkeit,  die  Produktion
der  Nachfrage  anzupassen,  würde  wahrscheinlich  nicht  verschwinden,
auch  wenn  die  Verteilung  des  Reichtums  gleichmäßiger  wäre.  Übrigens
gilt  das,  was  Sismondi  anführt,  mehr  für  eine  chronische  Krankheit  gewisser ­
  Industrien,  als  für  scharfe,  periodische  Krisen.  Seine  Theorie
hat  jedoch  wenigstens  das  Verdienst,  die  Erklärung  eines  noch  ziemlich
dunklen  Phänomens  zu  versuchen,  das  J.-B.  Say  und  Ricardo  mit  Stillschweigen ­
  zu  übergehen  vorgezogen  hatten  oder  das  sie,  unter  dem  Vorwände, ­
  das  Gleichgewicht  würde  sich  zum  Schluß  doch  stets  wieder  erstellen, ­
  als  sekundär  behandelten.

§  4.  Die  Reformprojekte  Sismondi’s.
Sein  Einfluß  in  der  Geschichte  der  Doktrinen.
Das  Hauptinteresse  des  Buches  Sismondi’s  liegt  nicht  in  seiner
wissenschaftlichen  Erklärung  der  Tatsachen,  die  auf  ihn  besonderen
Eindruck  gemacht  hatten.  Nur  weniges  darunter  ist  völlig  befriedigend. ­
  Seine  Analyse  bleibt  oft  auf  der  Oberfläche  und  macht  es
sich  allzuleicht.  Sein  Verdienst  besteht  vielmehr  darin,  die  Tatsachen
hervorgehoben  zu  haben,  die  die  herrschende  Richtung  in  der  Nationalökonomie ­
  hartnäckig  vernachlässigte;  im  Ganzen  genommen  erscheint
uns  seine  Lehre  als  eine  pessimistische  Theorie  des  wirtschaftlichen  Fortschritts. ­
  Er  hat  mit  Absicht  auf  die  Rückseite  der  Münze  hingewiesen,
von  der  Andere  —  und  sogar  die,  die  wir  unter  die  Pessimisten  gerechnet
naben,  Ricardo  und  Malthus  —  nur  die  Schauseite  sehen  wollten.  Von
dim  ab  kann  nicht  mehr  von  einer  spontanen  Harmonie  der  Interessen
gesprochen  werden.  Es  ist  nicht  mehr  möglich,  das  zu  vergessen,  was
der  Fortschritt  in  der  Produktion  an  Elend  und  Unglück  verdeckt.  Es
!st  nicht  mehr  möglich,  über  die  Krisen  hinwegzugleiten,  als  seien,  sie
vorübergehende  und  gleichgültige  Tatsachen.  Nicht  mehr  möglich  ist  es,
die  Rolle  zu  vergessen,  die  die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens
und  des  Vermögens  in  dem  Wirtschaftsleben  spielt,  —•  die  zwischen  den
eiden  Kontrahenten  des  Lohnvertrages  eine  grundlegende  Ungleichheit
a uf  rieht  et,  die  oft  jede  Freiheit  der  Verhandlung  vernichtet.  Es  ist  nicht
mehr  möglich,  mit  einem  Wort,  die  sozialen  Folgen  zu  vergessen,  die
' e  wirtschaftlichen  Veränderungen  mit  sich  bringen.  Folglich  ist  jetzt
auni  für  eine  Sozialpolitik  geschaffen.
Von  dieser'Politik  werden  wir  nun  sprechen  müssen.
Von  dem  neuen  Standpunkte  aus,  auf  den  Sismondi  sich  gestellt
mtte,  daß  nämlich  das  freie  Spiel  der  Privatinteressen  in  Widerspruch
u  dem  Allgemeinwohl  steht,  —  ist  die  von  Adam  Smith  und  seiner  Schule
°  1,16  un <l  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  14
            
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