VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 465
sache zieht, daß die Wirtschaften der mittelalterlichen Kaufleute
nicht groß waren: welche Folgerungen für die Bildung eines
Kapitals! Hier gibt es bedeutendere Differenzen.
§ 4. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung.
Sombart zieht aus dem Umstand, daß es im Mittelalter
nur Kaufleute mit verhältnismäßig bescheidenen Wirtschaften
gibt, den Schluß, innerhalb des Warenhandels sei bedeutender
Reichtum, der die Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaft
hätte bilden können, nicht zu gewinnen gewesen. Im Dienst
dieser These steht seine Behauptung, daß das mittelalterliche
Handwerk ganz dürftig gewesen sei und der mittelalterliche
Handel das Gepräge handwerksmäßiger Beschäftigung ge-
tragen habe; im Dienst jener These weiter die Schilderung des
mittelalterlichen Gewerbetreibenden als eines nur auf die Be-
schaffung der „standesgemäßen Nahrung“ bedachten. nicht auf
„Erwerb“ ausgehenden Mannes, des Mittelalters als der Zeit
der reinen „Bedarfsdeckungswirtschaft“ und des „Traditionalis-
mus“ der mittelalterlichen gewerblichen und kaufmännischen
Tätigkeit. Erheben wir hier die Frage, was dieser ,„Tradi-
tionalismus“ bedeuten würde. Ist er identisch mit der mittel-
alterlichen Zinstheorie? Mit der „Bedarfsdeckungswirtschaft “?
Schließt er das Streben nach möglichst großem Gewinn aus?
Oder steht er im Gegensatz zu der modernen rechnerischen Durch-
dringung der Wirtschaft? Eine klare Antwort gibt Sombart
nicht. Man wird aber seinen Sinn wohl am meisten treffen,
wenn man seinen „Traditionalismus“ mit der „Bedarfsdeckungs-
wirtschast“ gleichsett.1) Unseres Erachtens handelt es Jich bei
1) Vgl. oben S. 161. Brentano spricht ebenso wie Sombart von
traditionalistischer Wirtschaft, obwohl seine Polemik gegen diesen
ihm das unmöglich machen müßte. M. Weber, D. prot. Ethik u. d.
„Geist“ des Kapitalismus, Archiv f. Sozialwissenschaft 20, S. 25 ff.
über „Bedarf“ = q,traditionellem Bedarf“ bei Sombart. W. hebt
mit Recht hervor, daß eine der Form nach ,kapitalistische“ Wirtschaft
an sich eine „Bedarfsdeckungswirtschaft“ (in Sombarts Sinn) sein kann
(ô. dazu meine Bemerkungen oben S. 409). Man müßte ,traditionali-
v. Belo w, Wirtschaftsgeschichte 2. Aufl 20