Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Wenn  es  aber  relativ  leicht  ist,  die  kritischen  Gedanken  der  Schule
darzulegen,  die  in  Büchern  und  zahlreichen  Artikeln  enthalten  und  fast
allen  Schriftstellern,  die  ihr  anhängen,  gemeinsam  sind,  so  ist  es  doch
bedeutend  schwieriger,  die  grundlegenden  Auffassungen,  auf  denen  ihr
positives  Werk  beruht,  klar  herauszuarbeiten.  Diese  Auffassungen  sind
nämlich  mehr  eine  Unterströmung  in  den  Werken  ihrer  vornehmsten
Vertreter,  als  daß  sie  dort  eindeutig  formuliert  wären.  Jedesmal,  wenn
sie  sie  definieren  wollten,  taten  sie  es  (und  einige  ihrer  Schüler  erkennen
das  bereitwillig  an) 1 ),  in  einer  unbestimmten  und  oft  widerspruchsvollen
Weise.  Auch  sind  ihre  Grundgedanken  bei  den  verschiedenen  Schriftstellern, ­
  die  sich  zur  historischen  Methode  bekennen,  nicht  übereinstimmend
formuliert.
Um  ermüdende  Wiederholungen  und  zahllose  Diskussionen  zu  vermeiden, ­
  werden  wir  daher  damit  beginnen,  eine  gedrängte  Übersicht
über  die  äußere  Entwicklung  der  historischen  Schule  zu  geben,  —  dann
werden  wir  das  Ganze  ihrer  kritischen  Arbeit  untersuchen,  —  und  zum
Schluß  uns  bemühen,  ihre  positiven  Auffassungen  über  die  Natur  und
den  Gegenstand  der  politischen  Ökonomie  auseinanderzusetzen.  Hierin
liegt  natürlich  für  den  Historiker  der  Doktrinen  der  interessanteste  Teil
ihres  Werkes.

§  1.  Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der
historischen  Schule.
Der  Gründer  der  Schule  ist  unbestritten  Wilhelm  Roscher,  Professor ­
  an  der  Universität  Göttingen,  der  1843  seinen  Grundriß  zu  Vorlesungen ­
  über  die  Staatswissenschäft  nach  GESCHICHTLICHER ­
  Methode 2 )  veröffentlichte.  In  dem  Vorwort  zu  diesem  kleinen
Werk  legt  er  schon  die  Richtlinien  fest,  die  ihn  leiten  sollten,  Richtlinien,
die  er  später  in  seinem  berühmten  System  der  Volkswirtschaft,
dessen  erste  Ausgabe  (die  Grundlagen)  1854  erschien,  ausführlich
entwickelte.  Er  erhebt  nicht  den  Anspruch,  sich  mit  etwas  Anderem
als  mit  Wirtschaftsgeschichte  zu  befassen.  „Unser  Zweck“,  sagt  er,  ,j st
die  Beschreibung  dessen,  was  die  Völker  in  wirtschaftlicher  Hinsicht
gewollt  und  gefühlt  haben,  der  Zwecke,  die  sie  verfolgten  und  erreichten,
der  Ursachen,  für  welche  sie  sie  verfolgt  und  erreicht  haben 3 ).“  Eine
1 )  Siehe  unter  Anderem  auch  die  Aufsätze  von  Max  Weber  in  Schmoller’s  Jahrbuch ­
  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im  Deutschen
Reich  aus  den  Jahren  1903,  S.  1881  und  1905,  S.  1323.  Die  methodologischen  Ir r '
tümer  Roscher’s,  Knies’  und  Hildebrand’s  werden  dort  ausgiebig  kritisiert.
2 )  Grundriß  zu  Vorlesungen  über  die  Staatswirtschaft  nach  geschichtlicher ­
  Methode,  Göttingen  1843.
3 )  Grundriß,  Vorwort,  S.  IV.
            
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