Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  429

Aber,  und  auf  diese  zweite  Idee  legt  die  historische  Schule  das  Hauptgewicht, ­
  die  ökonomische  Theorie  und  die  ökonomischen  Gesetze,  die
auf  ihr  beruhen,  besitzen  ebenfalls  nur  einen  relativen  Wert.  Hierin  soll
die  bis  dahin  verkannte  Wahrheit  liegen.  Die  Gesetze  der  Physik  und  der
Chemie,  mit  denen  die  Klassiker  gern  die  wirtschaftlichen  Gesetze  vergleichen, ­
  verwirklichen  sich  notwendigerweise  überall  und  stets.  Mit  den
wirtschaftlichen  Gesetzen  ist  dies  aber  nicht  der  Fall.  Besonders  Knies
hat  auf  diesen  Punkt  hingewiesen.  „Ebenso  wie  die  wirtschaftlichen
Lebenszustände,“  sagt  er,  „so  ist  auch  die  Theorie  der  politischen  Ökonomie,
in  welcher  Form  und  Gestalt,  mit  welchen  Argumenten  und  Resultaten
wir  sie  auch  finden,  ein  Ergebnis  der  geschichtlichen  Entwicklung  .  .  .
Sie  hat  in  dem  geschichtlichen  Leben  den  Fonds  ihrer  Argumentationen,
u nd  sie  muß  ihren  Resultaten  den  Charakter  geschichtlicher  Lösungen
beilegen;  auch  die  „allgemeinen  Gesetze“  der  Nationalökonomie  stellen
sich  nicht  anders,  denn  als  eine  geschichtliche  Explikation  und  fortschreitende ­
  Manifestation  der  Wahrheit  dar,  auf  jeder  Stufe  stehen  sie  als  die
Verallgemeinerung  der  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte  der  Entwicklung
erkannten  Wahrheiten  da,  und  weder  der  Summe  noch  der  Formulierung
n ach  können  sie  für  unbedingt  abgeschlossen  erklärt  werden“ 1 )-Diese
  Stelle,  die  übrigens  ziemlich  dunkel  und  verworren,  wie  die
Sprache  Knies’  im  Allgemeinen,  ist,  drückt  einen  wahren  Gedanken
au s,  den  andere  Volkswirtschaftler  schon  in  klarerer  Weise  formuliert
haben,  wenn  sie  sagen,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze  nur  vorläufig
Un d  bedingungsweise  Geltung  haben.  Vorläufig  in  dem  Sinne,  daß  das
geschichtliche  Leben,  indem  es  neue  Tatsachen  zur  Oberfläche  bringt,
denen  die  bestehenden  Theorien  nicht  genügend  Rechnung  tragen,  die
Volkswirtschaftler  ohne  Unterlaß  dazu  zwingt,  die  Formeln,  mit  denen
sich  bis  dahin  begnügten,  zu  ändern.  Bedingungsweise  in  dem
^bine,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze  in  der  Wirklichkeit  nur  bestätigt
Worden,  wenn  andere  Umstände  nicht  ihre  Wirkung  behindern;  so  daß
dj e  Geschichte,  indem  sie  diese  Umstände  modifiziert,  die  Wirkungen,
die  man  sich  gewöhnt  hatte,  auf  gewisse  Ursachen  folgen  zu  sehen,  vorübergobend
  zum  Verschwinden  bringen  oder  verschleiern  kann.  Vielleicht
' Var  es  nicht  unnötig,  hierauf  hinzuweisen,  wenigstens  den  Volkswirtw
  l )  Knies,  op.  cit.,  S.24,  25.  Ashley  hat  diesen  doppelten  Gedanken  in  klareren
Worten  ausgedrückt:  „Die  Nationalökonomie  ist  nicht  ein  Ganzes  von  absolut  wahren
gehren,  die  der  Welt  am  Ende  des  letzten  und  am  Anfang  dieses  Jahrhunderts  offenbart
oiden  sind,  sondern  sie  setzt  sich  aus  einer  gewissen  Anzahl  von  Iheorien  und  Ver-Someinerungen
  zusammen,  deren  Wert  mehr  oder  weniger  groß  ist.  .  .  Die  modernen
0l kswirtschaftlichen  Theorien  sind  nicht  universell  wahr.  Sie  sind  weder  für  die  Vergangenheit ­
  wahr,  als  die  Bedingungen  nicht  bestanden,  die  zu  ihrem  Zustandekommen
® otl g  gewesen  wären,  noch  auch  für  die  Zukunft,  wenn  die  Lebensbedingungen  sich
«ändert  haben  werden,  ausgenommen  die  Gesellschaft  bleibt  stationär.“  (Histoire
1  d °ctrines  Sconom’iques  de  PAngleterre,  Vorwort,  franz.  Übers.  S.  2,  3.)
            
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