Full text : Die Frau und die Arbeit

140

geketteten  Bein  lüftete  die  Flügel.  Sie  saßen  um  ihn  herum
und  spekulierten  und  stritten,  und  einer  sagte  dies  und  der
andere  jenes.  Und  die  ganze  Zeit,  während  sie  sprachen,
saß  der  Vogel  regungslos  und  blickte  unverwandt  in  den
klaren,  blauen  Himmel  hinauf.  Endlich  meinte  einer:  „Wie
wäre  es,  wenn  wir  ihn  losließen,  um  zu  sehen,  was  er  beginnt?“ ­
  Der  Vogel  zitterte,  aber  die  andern  schrien:  „Was
fällt  Euch  ein,  er  ist  viel  zu  wertvoll.  Er  könnte  verloren
gehen,  wenn  er  vielleicht  zu  fliegen  versuchen  würde  und
herunter  fiele  und  das  Genick  bräche.“
Und  der  Vogel  mit  seinem  angeketteten  Fuß  saß  und
blickte  aufwärts  zum  blauen  Himmel,  dem  Himmel,  in  dem
er  noch  niemals  gewesen  —  der  Vogel,  er  wußte,  was  er
wollte  —  denn  —  es  war  ein  junger  Adler!
Viele  von  uns  kennen  eine  Frau,  wie  sie  jeder  Mensch  nur
einmal  auf  Erden  kennt,  und  daß  wir  diese  Frau  kennen,
das  ist  es,  worauf  wir  unsere  Gewißheit  gründen.
Für  jene,  die  keine  solche  Frau  kennen  und  auf  diesen
festen  Grund  nicht  bauen  können,  mag  es  ja  gut  und  nützlich ­
  sein,  sorgsam  Tatsachen  zu  sammeln  und  darüber
nachzudenken  und  darauf  Ansichten  zu  basieren.  Es  mag
selbst  vorteilhaft  sein,  sich  keinerlei  bestimmte  Ansicht  zu
bilden,  sondern  abzuwarten,  bis  die  Jahre  praktischer  Erfahrung ­
  alle  Zweifel  beseitigt  haben.  Für  uns  aber,  die  wir
für  unsere  Überzeugung  einen  Grund  haben,  den  wir
Außenstehenden  nicht  beweisen  können,  für  uns  ist  es  wohl
besser,  furchtlos  zu  handeln  als  viel  zu  argumentieren.
Schließlich  ließe  sich  gegen  den  Eintritt  der  Frauen  in
die  neuen  Arbeitsfelder  vielleicht  noch  folgendes  sagen,
was  auch  tatsächlich  oft  eingewendet  wird:  Wie,  wenn
man  euch  alles,  wonach  ihr  begehrt,  einräumte  —  wenn  es
völlig  anerkannt  würde,  daß  die  alten  Arbeitsgebiete  der
Frau  ihr  entschwinden  und  daß,  wenn  sie  keine  neuen  findet, ­
  sie  in  einen  Zustand  von  Geschlechtsparasitismus  verfiele, ­
  der  sie  von  ihrer  Fortpflanzungsfähigkeit  allein  ab-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.