Full text: Der Brotwucher

Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionswandel. 61 
and Korruption verwarfen. Allein die Hammerbrotpolitik war nun ein- 
mal Trumpf und obgleich fie mit Genoffendhaftlichkeit, mit organifierter 
Bedarfadeckung und Preisregulierung wenig oder nichts zu tun 
hatte, feßte fie fich felbjt gegen den Willen erfahrener Genofjen in der 
Senoffenihaftsbewegung durch. Dadurch verlor diefe zu einem erheblichen 
Teile ihren alten eigentlidhen Charakter, wie er Jonfjt überall zur Aus- 
prägung gelangte. Bejhönigt wurde und wird dieje Wendung mit den 
angeblich „bejonderen“ Verhältniffen des Landes, ein Schwindel- 
argument, auf das fidH auch die Genoffenfchafter anderer Länder berufen 
fönnten, weil HließlihH überall „befondere“ VBerhältniffe Herrihen; ein 
Argument, das gar nicht ernft zu nehmen ift und nur verhüllen fol, 
daß in der Hfterreihifjhen Arbeiterbewegung bürgerlich-Fapitaliftijche 
Motive, imperaliftifjge Machtbeftrebungen und Sondergelüfte entjcheidend 
geworden waren. Un Stelle der Wirtjhaftsaffogiationen, die nach dem 
Prinzip der Selbfthilfe verwaltet wurden, traten Parteigefchäfte, an 
welchen fich die Mafjjen lediglich durch die Parteigefinnung gebunden 
jühlen, nicht aber weiter intereffiert jein Jollten. Parteigejhäfte, das 
Heißt Gefchäfte, die die Partei durch Beauftragte führen ließ, ohne die 
Vorteile demokratijdher Verwaltungsfontrolle, die vielmehr als äftig 
empfunden und immer mehr befeitigt oder unwirkfjam gemacht wurde; Se- 
Ichäfte ohne eine die Kaufkraft des LohneS berücfightigende Preisbildung, 
da e8& ja doch nur Produzenten-, SGewerkichaftspolitik zu machen galt. 
Die trat inZbefondere in der Broterzeugung zutage. Von einer der 
Gefamtwirtichaft zugute kommenden Preisregelung konnte deshalb nicht 
mehr die Rede fein; die Parteihäckereien follten nicht fo fjehr wirtfhaft- 
(ihen, al vielmehr anderen Zwecken dienen: parteipolitijhen, fozial- 
politijdgen und politijhen. Selbftverftändlih belaften dieje Zwede die 
Unternehmungen überaus fhwer, fo daß fie die Konkurrenz mit den 
Privatbetrieben nicht überall erfolgreich beftehen können. In Wien, be: 
ziehungSweife Schwechat gingen die Dinge noch aus anderen Gründen 
fchief und {cqhiefer. Was Wunder, daß man, um den Mißerfolg zu 
fajchieren, zu allerlei Notlügen Zuflucht nahm? SIit fhon im ge» 
wöhnlichen‘ SGejhHäftsleben die Lüge ein allgemein angewendetes Hilfs- 
mittel, wie denn, erft im politijhen Leben. Wenn nun gar Politik und 
Sejchäft Fombiniert find, verfjhwindet jede Scham und die Verlogenheit 
überfteigt alle Schranken, wird zur Parteipflicht, die Verzweiflung 
peitjcht die leßten Energien auf, die dann mit Zynismus fi austoben. 
Mllein im Fahre 1914 war der Stand der Dinge trog aller Anftren- 
gungen ein verzweifelter geworden. Vergebenz Hatte man bie legten
	        
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