Full text: Der Brotwucher

12 Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen. 
Aug die Preife anderer wichtiger Lebenzmittel ftrebten in die Höhe, mit- 
gerifjen von dem Elan des Brotpreijes, der fiürmijch voranging. Man 
ıhnte: die gärende Unzufriedenheit der Mafjjen — Beamten wie Arbeiter 
— muß früher oder fpäter zum Ausbruch kommen, der Cisftoß der Er- 
eignifje — Forderung einer befferen Bejoldungsreform für die Bundes- 
angeftellten, Lohn- und SGehaltsbewegungen der in der Privatwirtjchaft 
Tätigen — Ionnte nicht ausbleiben, wenn der Inder feine fteigende 
Tendenz beibehält, die Kaufkraft des Geldes abhröckelt, die Stabilifierung 
der Krone von innen her gehemmt oder gar fabotiert wird, die Produk- 
tionsfoften eine Berteuerung erfahren, die den immer {HYwieriger werdenden 
Konkurrenzlampf der Induftrie und den Export unmöglich machte. Was 
aber erlebten wir? Obgleich diefe Entwicklung der Dinge als eine tri- 
viale Selbitverftändlichkeit leicht vorauszufehen war; obgleich der Vize- 
fanzler Frank in der ZoNldebatte für den Fall, al die Zölle auf Lebens- 
mittel zum Borwande weiterer ungerechtfertigter PreisZiteigerungen gemacht 
werden follten, eine Kräftige Intervention der Regierung anfündigt, fommt 
dennoch in der Brotfrage der alte, plumpe, mandchefterlidhe Pferdejuß 
der Regierung. immer deutlicher zum Vorfchein. Zwar: {fol das un- 
zulängliche, veraltete Preistreibereigejfeg novelliert werden; allein das 
Berhalten der Regierung gegenüber den Bädern und Brotfabriken läßt 
befürchten, daß man e$ bei der drohenden Gebärde belaffen will. Gewiß 
möchte die Regierung gern einen Erfolg; der Erfolg fol jedoch nichts 
foften — denn niemand will „Dpfer“ bringen und einer {hiebt es auf 
den anderen. Die Verbraucher aber, die der Regierung die Kaftanien 
au$ dem Feuer Holen jollen, rühren {ih nicht! Wer find die „Vers 
braucher“ ? Soweit fie nicht zugleich Unternehmer, Dienfigeber, Arbeit: 
geber jind, die die Koften leicht überwälzen Können, find es Gehalt- 
und Lohnempfänger, die übrigens als Gewerkjchafter felbft auch mehr 
oder minder Produzenteninterefjen Haben oder doch verfechten; oder 
Beamte der öffentlichen Ämter, Penfioniften und Kleinrentner. Alle dieje 
Sejellichaft3fchicdhten ftehen ohne eine Vertretung ihrer fpezififhen Kon- 
'uminterefjen da.*) Daß die NMationalverfammlung Hierzu nur bedingt 
geeignet ijt, ann Heute ein jeder mit Händen greifen. Sie kommt zu- 
nächft nur als Arena für die großen Wugeinanderfegungen zwifhen den 
Rlaffen, al? Kampfplas zur CEnticheidung über die yrinzivielen KLultur- 
*) Was fih offiziell als „Konjumentenvertretung“ ausgibt und aufipielt, ift eine 
‘olde Armfeligkeit, daß man am beften von ihr nicht fpricht. Ihre G’idhaftelhuberei 
kann über ihren inneren Unwert nicht Hinwegtäufchen; e3 ift eine Schein-Vertretung, 
bie. unter dem Diktat von VBarteidolititern fteht.
	        
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