Full text: Der Brotwucher

4 Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen, 
fall nicht; fie Hat die Schädigung der VolkSwirt)chaft, die Aushöhlung 
der Kaufkraft der Krone die längfte Zeit geduldet, anfcheinend überhaupt 
nicht bemerkt. Daz Preistreibereigefeß war jo gut wie außer Kraft ge- 
jeßt; zwar erfolgte hin und wieder eine Verurteilung der Meinen Schä- 
Her — wie Gepäckträger, Sauerkrauthändler, Wirte, SGreißler —, die 
großen Wucherer gingen und gehen ftraffrei aus. Niemand kümmert fich 
darum und die Negierung fagt fihH offenbar: Was mich nicht brennt, 
brauch’ ich nicht zu blafen. Ein verhängnisvoller Irrtum! Denn wenn erft 
einmal das Feuer das Regierungsdbach ergrifjen hat, ijt es längft zu 
ipät. Die entbehrenden Majjen Heljen fih vorläufig ander3; die immer 
drohende Streifgefahr gibt eine Borftellung von dem, was noch kommen 
fann. Bis die darbenden Arbeiter die Bäckerläden {türmen — worauf 
wie e& jcheint die Herren in der Herrengafje warten — Hat es vielleicht 
10ch einige Zeit. ANber nennt man jo etwa3 regieren ? 
Da das Preistreibereigefeß nicht zulegt durch die Sanftmut der 
Regierung Schlace geworden i{t, fol die allzu Irafe Brandihaßung der 
fonfumierenden Bevölkerung mittels eines neuen SefjfegeS verhindert 
werden. Nach den bisherigen Erfahrungen darf man billig bezweifeln, 
ob e3 der Regierung damit ernft ift. Wir wollen gar nicht erft an den 
Kranz-Prozeß und ähnlidge Vorkommnifje erinnern. Der befte Be- 
weis dafür, mit welcher Larheit die immerhin noch geltenden VorjcHhriften 
gegen Preistreiberei gehandhabt werden, {ft ja der Brotwucher, an dem 
nicht nur mit dem Bundeswappen ausgezeichnete Induftrielle, fondern 
aud) andere mächtige einflußreihe Gruppen intereffiert find. Kein zurech- 
mnungSfähiger Men]cdh, der fichH einige Unbefangenheit bewahrt Hat und 
mit offenen Augen die Dinge betrachtet, zweifelt daran, daß in Wien 
— und auch in anderen Städten — sans gene Brotwucher getrieben 
wird; daß das Einkommen der Wiener Bäcker und Brotjabrikanten (noch 
dazu in der Zeit einer allgemeinen Erwerbskrije) wefjentlich Höher als das 
anderer Berufsfchichten ift; daß verhältnismäßig nirgend3 fo gut ver- 
dient wird als in der Brotproduktion; daß eine ftrafbare Übervorteilung 
des Volles durch die Groß- und Keinbäcker vorliegt; ‚daß die hHoch- 
gehenden Tenuerungswellen vom Brotwucher aufgepeitfcht werden und daß 
ein Reipen des Dammes, wenn es in abfehbarer Zeit zur vollen Aus- 
mirfung der Lebensmittelzölle kommt, mit NMaturnotwendigfeit eintreten 
muß. Dennoch unterläßt die Regierung jeden energifidhen Schritt gegen 
diejenigen, die die zollpolitijdhen Folgen Heute fchon eSkomptieren. Sie 
ichredt vor einer gründlichen Unterfuchung der Brotfrage zurück, weil 
daran außer den Bäckern. auch die Mühlen, der Mebhlbandel und —
	        
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