fullscreen: Holländische Wirtschaftsgeschichte

— 5.2 — 
der persönliche Individualismus gut; und durch Wirtschafts- 
theorien ließ man sich überhaupt nie bestimmen. Im Gewerbe 
zeigten sich mehrfach schon frühzeitig Ansätze zu gemeinsamer 
Arbeit für das Berufsinteresse, so bei den Tuchmachern, den Brauern; 
das waren Ausnahmen von nur örtlicher und temporärer Wirkung. 
Im ganzen herrschte doch und mit der Zeit in steigendem Maße, 
befördert durch den altbegründeten und nie über- 
wundenen Partikularismus der Provinzen und 
Städte, die: Übertragung des Kontor- und 
Kantönli-Geistes/ auf’ das Wirtschaftsleben; 
am liebsten hätte jedermann, wie er in seinem Kontor keinen Herrn 
neben sich duldete, auch seine eigene Wirtschaftspolitik betrieben. 
An dieser Eigenschaft, die engen‘ privatwirtschaftlichen Anschau- 
ungen im öffentlichen Leben den Vorzug vor volkswirtschaftlichen 
gab, hat bis ins 19. Jahrhundert hinein die niederländische Wirt- 
schaft gekrankt. Selbst noch in einer Zeit, da nach 1814 eine straf- 
fere staatliche Zentralregierung den örtlichen und provinziellen 
Partikularismus besser als früher zügelte, traten nicht nur in der 
Privatwirtschaft, sondern auch in der staatlichen Wirtschaftspolitik 
eigenartige Züge individualistischer Behandlung der Dinge hervor, 
die von der Annahme ausgingen, als ob man glaube, Holland sei allein 
auf der Welt und seine Wirtschaft könne unabhängig von derjenigen 
anderer Staaten bestehen und gedeihen. Erst die durch den wach- 
senden und erfolgreichen Wettbewerb des Auslandes geschaffenen 
Notwendigkeiten der zweiten Hälfte des ıo. Jahr- 
hunderts haben den Individualismus in seine 
Schranken gewiesen und im Wirtschaftsleben das Ele- 
ment des Zusammenarbeitens, die Idee der Interessengemeinschaft 
zu ihrem Rechte kommen lassen. In den Zeiten der wirtschaft- 
lichen Zersplitterung Deutschlands und der noch schwachen Ent- 
wicklung des weltwirtschaftlichen Handelssystems konnte sich ein 
kleines, arbeitstüchtiges Volk dem Individualismus hingeben und 
seine Wirtschaft auf den Bestrebungen einzelner Kaufmannshäuser 
aufbauen, im Zeitalter der großartigen, internationalen Wirtschafts- 
organisationen war das nicht mehr möglich. 
So lassen sich die 30—40 Jahre zwischen 1814 und 1850 wohl 
als den letzten Kampf des Individualismus gegen die Gemeinsam- 
keitsarbeit bezeichnen. Es war die Zeit, da der Holländer zufrieden 
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