284 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Mag man bei Vergleichung dieser Zahlen unter sich und mit den älteren daran
erinnern, daß der veränderte Geldwert und der Ersatz naturaler Staatsansprüche durch
Geld die Vergleichbarkeit erschweren, das ungeheure Wachstum der modernen staatlichen
Finanzwirtschaft gegen alle früheren Zeiten geht doch klar aus all' diesen Zahlen hervor.
Erst seit den letzten 200 Jahren begann der Prozeß, der große einheitliche Staaten mit
einheitlichen Wirtschaftsinstitutionen und einheitlich centralisierten Finanzen schuf.
Es ist nur ein anderer Ausdruck derselben großen Erscheinung, daß die Staats—
gewalt vom 16.-19. Jahrhundert versuchte, die selbständige Organisation und die
selbständigen Finanzen der Städte, Gemeinden, Territorien und Provinzen, aus deren
Zusammenfassung die größeren Staaten hervorgingen, zu beschneiden, teilweise ganz zu
beseitigen. In Preußen z3. B. hören die ständisch-finanziellen Organisationen der
Provinzen im 18. Jahrhundert fast ganz auf; die meisten Städte werden im 18. Jahr—
hundert auf ein Jahresbudget von 3000-30 000 Mark reduziert; selbst Berlin hatte
1734 mit 86 000 Einwohnern nur eine Ausgabe von 72000 Mark, während im Mittel—
alter Städte mit 10000 das 2—6fache Budget hatten. Aber ebenso klar ist, daß die
finanzielle Centralisation, an ihrer äußersten Grenze angekommen, in unserem Jahr—
hundert beginnen mußte, den mittleren und kleineren Gebietskörperschaften wieder eine
größere Thätigkeit und Selbständigkeit einzuräumen. Und so sehen wir heute, daß neuere
Reichsbildungen, z. B. die Deutschlands, neben den Reichs- die Staatsfinanzen belassen
haben; von den Vereinigten Staaten und der Schweiz gilt Ähnliches. Hsterreich—
Ungarn hat den Kronlanden eine erhebliche Selbständigkeit belassen oder wieder gegeben;
überall werden zwischen Staat und Gemeinde neue Gebietskörperschaften geschaffen, teil—
weise die Gemeinden vergrößert und zusammengelegt; allerwärts sind die Aufgaben und
die Finanzen dieser Gebilde wieder in aufsteigender Linie begriffen. UÜber die Größe
der neueren örtlichen Selbstverwaltungskörper sei noch folgendes beigefügt.
Die Gemeindemarkungen in Deutschland schwanken heute zwischen 4 und 13 Geviert—
kilometern; in Ostpreußen und Schlesien umfaßt eine Gemeinde einschließlich der Guts—
bezirke durchschnittlich 42—55, in der Rheinprovinz, Hessen-Kassel, Sachsen, Posen,
Brandenburg 528, in Hannover, Westfalen, Schleswig⸗Holstein O—18, in Württem—
berg 10 Geviertkilometer. — In diesen Zahlendurchschnitten sind alle Gemeinden, auch
die großen Stadtgemeinden, es ist alles unwirtliche Land, der gesamte Waldbestand
einbegriffen; das bewohnte und bebaute Land schrumpft also auf zwei Drittel oder
weniger zusammen. Von der Seelenzahl der dentschen Landgemeinden haben wir oben
(S. 269) schon gesprochen; wir sahen, daß fast die Hälfte der preußischen Landgemeinden
unter 200 Seelen, die als Kommunen geltenden Gutsbezirke noch weniger Bewohner
haben, während im Süden und Westen Deutschlands die Seelenzahl der Gemeinde auf
500 -800 steigt, wie sie etwa auch in Frankreich sein wird. Dort kommen jetzt 14 bis
15 Geviertkilometer auf die Gemeinde. In Hfterreich zählt eine politische Gemeinde
500- 1500 Seelen, jede umsaßt aber durchschnittlich 2—8 Ortschaften: diese, die älteren
Gemeinden, haben 120 -800 Seelen.
Nehmen wir den Durchschnitt einer alten germanischen Mark, welche, von den
kleinsten (12/8) und den größten nordischen (8) abgesehen, 8—8 Geviertmeilen hatte,
zu 4 gleich 225 Geviertkilometer, an, so sind heute 17 —20 Dörfer auf einem solchen
Raume. Überall haben sich in der langen historischen Entwickelung über den Dörfern
wieder größere Gebietskörperschaften, Grafschaften, Departements, Kreise, Arrondissements
und wie sie alle heißen entwickelt. Die englische Grafschaft hat durchschnittlich
2585 Geviertkilometer. Der preußische Kreis 200-2000, durchschnittlich 825, mit
24 000 - 100 000 Seelen. Die füddeutschen Oberämter sind etwas kleiner; die französischen
Arrondissements haben 14836 Geviertkilometer durchschnittlich. Auch zwischen diesen
größeren Gebilden und den Dörfern haben sich überall noch Mittelglieder gebildet;
* B. in England seit der Reformation die Kirchspiele, welche ursprünglich 18, später
durch Teilungen 8—9 Geviertkilometer umfaßten, heute etwa 1700 Seelen zählen. Da
auch sie für die kommunalen Zwecke zu klein waren, bildete man neuerdings (meist mit
den Friedensrichterdistrikten zusammenfallend) die Kirchspielumonen. 1502000 Geviert