Rohstoffe: Kunstseide.
17
oder Natronlauge gewonnen werden. Dieselben sind wasser- und alkalibeständiger
als die Nitro- und als die Viskoseseiden. Die dritte Sorte Kunstseide (Vis
kose) wird nach dem sogenannten Schwefelkohlenstoffverfahren aus der von
Cross & Bevan in London erfundenen Viskose gefertigt. Statt Baumwolle kann
zu diesem Verfahren vorteilhaft auch der feiner zerteilbare und leichter zu be
handelnde Zellstoff verwendet werden.
Stearn lehrte das Spinnen von Viskose in Ammonsalzbädern mit nach
folgender Säurebehandlung.
In der Fürst Guido Donnersmarckschen Fabrik in Sydowsaue ersetzte
Dr. Müller das Ammonsalz durch das billigere Natronsalz und vereinigte die
beiden Operationen, indem er das Salz in der Säure auflöste und in dieses Bad
spann, oder auch direkt das billige Abfallprodukt Natriumbisulfat auflöste und
als Fällbad verwandte. Erst dieses vereinfachte und verbilligte Verfahren gab
der Viskoseseide, die sich fast 10 Jahre lang mit Kleinfabrikation hingeschleppt
hatte, den lange erwarteten Aufschwung. Heute hat die Viskoseseide den Glanz
stoff überflügelt und die Nitroseide so gut wie zum Verschwinden gebracht. Der
Glanzstoff ist indessen noch immer sehr begehrt wegen besonderer Eigenschaften
für gewisse Zwecke; seine Fabrikation ist aber auf einige allerdings größere
Fabriken beschränkt.
Während in Deutschland die Vereinigten Glanzstoffabriken Elberfeld die
Nachfolge der Fürst Guido Donnersmarckschen Werke antraten, drei große
Werke entwickelten und durch die Größe ihrer Produktion und Vorzüglichkeit
ihres Fabrikates- die Führenden blieben, war es in England und Amerika die
Firma Courtauld & Co. (Coventry, England), welche die Viskoseseide in
größerem Maßstabe für die Zwecke der Weberei nutzbar machte.
Die Azetatseide kann unbesprochen bleiben, da sie teils wegen ihres hohen
Einstandspreises, der ungleichmäßigen Färbbarkeit, der Zersetzlichkeit, und weil
die erwartete Wasserfestigkeit doch nicht vorhanden ist, nicht hergestellt wird.
Kertesz, Textilindustrie sämtlicher Staaten.