fullscreen: Gesellschaftslehre

168 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
gewissen Ausnahmen abgesehen ist uns nämlich im Ausdruck das seelische 
Leben in einer durchaus unmittelbaren Weise gegeben. Zwischen dem 
Ausdruck und dem inneren Erleben besteht überhaupt nicht das Verhält- 
nis von Symptom und vollem Tatbestand, sondern beide bilden, wie oben 
ausgeführt, eine untrennbare Einheit. Der Mensch bildet eine psycho- 
physische Einheit: sein Leben besteht darin, daß er ein wech- 
selndes Verhalten zeigt. Dieses Verhalten erfassen wir in seiner 
Einheit ebensogut in der Wahrnehmung, wie wir die Eigenschaften eines 
Körpers darin erkennen. Erst die Reflektion unterscheidet an ihm eine 
äußere und eine innere Seite als mehr oder weniger selbständige Ge- 
schehensreihen. So gut der Mensch in seinem Wesen eine psycho- 
physische Einheit ist, ebenso ist auch die ursprüngliche Auffassung des 
Menschen vom Menschen eine einheitliche, für die der ganze Mensch 
»benso ein anschauliches Gebilde ist wie ein Körper. Vorausgesegt ist 
dabei freilich, daß das seelische Geschehen sich wirklich hinreichend deut- 
lich kundtut, um in der Anschauung in seinen charakteristischen Aus- 
prägungen von Haus aus klar erfaßt werden zu können — so also, daß es 
nicht erst der Ausbildung einer besonderen Kunst des Schließens für 
liesen Zweck bedarf. 
Wir sind damit bereits zu der einschlägigen psychologischen 
Frage übergegangen. 
6. In der Entwickelung sowohl des Individuums wie der Gattung 
tritt das Verständnis für die soziale Welt nicht etwa später auf als das- 
jenige der natürlichen Welt, sondern es ist dem letgteren mindestens 
zleichaltrig oder geht ihm sogar voraus. Zunächst ein Blick auf die Ent- 
wickelung des Kindes. Vom Standpunkt der landläufigen Psychologie 
gehört: es zu den erstaunlichsten Tatsachen, daß Kinder schon sehr früh, 
in einem beobachteten Fall schon am 25. Tage des Lebens, an mensch- 
üichen Gesichtern Interesse zeigen, das Gesicht nahestehender Personen 
herauserkennen und auf den jeweiligen Ausdruck deutlich antworten‘). 
Für die bekannte Anschauung, daß unsere zusammengesegöten Wahrneh- 
mungen die einzelnen ihr entsprechenden Reize summativ verarbeiten, 
muß diese Tatsache als ein Rätsel erscheinen, weil ein menschliches Ant- 
ig einen viel verwickelteren Komplex bedeutet als etwa einfache Far- 
ben oder Töne, für die das Kind im gleichen Lebensalter weniger oder 
zar kein Interesse zeigt. In der Tat liefert vielleicht die Sozialpsychologie 
die zwingendsten Gründe für die Ablehnung der Associationspsychologie 
und damit für die Notwendigkeit, der Erklärung des Seelenlebens das 
Axiom des Ganzheitscharakters zugrunde zu legen. Hat man sich übri- 
1) Koffka, Die Grundlagen der psychischen Entwicklung, S. 95.
	        
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