Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

An  die  Wähler  der  dritten  Abtheilung  des
23.  Rommunalwahlbezirks.

Arbeiter,  Kleinbürger,  Parteigenossen!
Am  Mittwoch,  den  6.  WovemSer  finden  die  ErgänzungSwahleg  kur  das  Parlament  der  Gtadl  Pettm.'  für
die  Stadtoerordnetenoersammlung,  stall.
Das  ungerechteste  aller  Wahlsysteme,  daS  PreiKlassenwahlsyssem,  beiuirit  es,  daß  1460  Geldsäcke  dasselbe
Recht  und  denselben  Einfluß  haben  wie  300  000  ihrer  ärmeren  Mitbürger.  Dieses  schändliche  Wahlsystem  bedingt  cs,
daß  die  städtische  Verwaltung,  ein  Vorrecht  der  Reichen,  zu  deren  Gunsten  und  in  deren  Interesse  geleitet  wird.
Brüderlich  vereint  ist  da  alles  Reaktionäre.  Kulturfeindliche,  Ausbeuterische,  alles.  maS  von  der  Unterdrückung
seiner  Mitmenschen  lebt.  Als  einziger  Gegner  tritt  in  den  Kamps  der
Sozialismus  mit  feinen  Idealen
mlt  der  Aufhebung  der  Klassenherrschaft,  mit  dem  gleichen  Recht  für  Alle,  für  Alle  dle  gleiche  EuNvickluugSmügtlchleit.
für  alle  das  Recht  an  den  Kulturgütern  theilzuhaben.  Voll  und  ganz  aus  dem  Boden  dieser  Anschauung  steht  der
Kandidat  unseres  BeznkeS.  der  Genosse  Emil  Banner.  Der  Liberalismus  hat  feine  Ideale  längst  vergessen!
Wie  Junker,hum  und  Schlotbarone  den  Staat  beherrschen  und  die  Gesetzgebung  zur  Ausbeutung  und  Nieder-Haltung
  der  breiten  Volksschichten  benutzen,  so  herrscht  der  alt  gewordene  Liberalismus,  jetzt  baar  oller  Ideale,  in  den
Städten  und  benutzt  seine  llebcrmacht  in  den  Stadtparlamentcn  rücksichtslos  zur  Förderung  der  allercnghcrzigstcn  Klassenintercssen.

Wo  sst  das  gleiche  Recht  auf  Bildung  geblieben,  dieser.Grundpfeiler  aller  wahren  Kulturentwicklung  eineß
Volkes?  Wo  ist  daö  gleiche  Recht  für  alle  Bürger  eines  Gemeinwesens,  ihre  Stimme  znr  Geltung  zu  bringen?  Wo
ist  das  demokratische  Bewußtsein  des  Liberalismus  geblieben,  des  Liberalismus,  der  schweifwedelnd  die  Hand  küßt,
die  ihm  eine  Oh,-feige  nach  der  andern  versetzt,  sodaß  die  „Berliner  Selbstverwaltung"  bereits  ansängt  zum  Gespött ­
  zu  werden?  Was  ist  bisher  zum  Schutz  der  arbeitenden  Aevölkerung  gegen  Krankheit  und  ßleud  geschehen,
was  zur  Erhöhung  der  Lebenshaltung  der  breiten  Volksschichten?  Als  Gnade  und  Barmherzigkeit,  als  Wohlthat,  für
die  untcrthänigst  gedankt  werden  iriuß,  wird  daö  Wenige  gewährt,  was  überhaupt  geleistet  wird,  und  deshalb  wirb
auch  ehr-  nnd  rechtlos,  wen  das  Unglück  trifft,  städtische  Wohlthaten  annehmen  zu  müssen.  WaS  ist  geschehen,
um  die  ungeheure  Entwicklung  deS  Verkehrswesens,  der  BcleuchtnngS-  und  Kraftanlagen  unserer  Riesenstadt  dem  Interesse ­
  der  Allgemeinheit,  dienstbar  zu  machen?  Statt  der  Uebcrsührung  in  die  Gemeindeverwaltung  eine  Ausbeutung
Aller  zu  Gunsten  einiger  Pnvilegirten,  die-schamlos  genug  vielfach  inmitten  der  Stadtoertretung  selbst  sitzen  und
Millionenreichlhümer  aufhäufen  aus  diesen  der  Allgemeinheit  entzogenen  Schätzen.
Deshalb  handelt  es  sich  bei  dieser  Wahl  nicht  blos  um  den  Streit  zweier  Parteien,  um  einige  Sitze  im  Stadtparlament. ­
  sondern  cs  steht  Weltanschauung  gegen  Weltanschauung.
5>etr  JU'afTciUtampf
«st  cs,  der  hier  gekämpft  wird  wie  überall,  wo  daS  Proletariat  in  die  Arena  deS  Wahlkampfes  eintritt.  Ob  nach  wie
vor  der  eine  ein  Knecht  deS  Anden,  sein  muß,  ob  ungestraft  der  Reiche  den  Armen  soll  schrankenlos  weiter  ausdeuten
dürfen,  ob  nach  wie  vor  Millionen  von  Proletariern  elend  vor  der  Zeit  zu  Grunde  gehen  müssen,  oder  ob  alle  Bürger
eines  Staates,  eines  Gemeinwesens  gleichberechtigt,  ob  die  Güter  diesiw  Erde  Allen  zugänglich  sein  sollen,  die  mit  ihren
Geistes-  oder  Körperkräften  dieselben  schaffend  mehren  Helsen,  darum  handelt  cS  sich!  DaS  ist  die  Bedeutung  dieser  Wahl,
das  die  Bedeutung  jeder  Stimmabgabe  für  den  sozialdemokratischen  Kandidaten,  ein  feuriger  Protest  gegen  das
namenlose  Anrecht,  geg«n  das  entsetzliche  Kkend,  welches  die  Klassenherrschaft  seit  Jahrtausende»  üver  die
Menschheit  gekracht  bat.
Deshalb  ein  Afui  Jedem,  der  am  Tage  der  Wahl  feige  zurücksteht,  der  nicht  wagt  in  öffentlicher  Stimmabgabe ­
  und  frei  heraus  seine  Ueberzeugung  zu  bekennen.  Nicht  nur  um  ein  Mandat  handelt  cS  sich,  sondern  darum,
daß  der  proletarische  Hedauke  zum  Siegj  geführt  wird,  daß  in  offeriern  Kainpse  Jeder  für  seine  Ueberzeugung  mannhaft ­
  eintritt  und  durch  seine  Stimmabgabe  feierlich  erklärt'
Als  Proletarier  habe  ich  Zeit  meines  Lebens  darben  und  hungern  müssen-  als  Proletarier  bin  ich  ausgeschlossen
gewesen  von  allen  Kulturgütern  der  Nation.  Bildung.  Lebensgenuß,  Sicherheit  de«  Erwerbes,  Schutz  gegen  Krankheit
nnd  allzusrühen  Tod,  bisher  ein  Eigenthum  der  herrschenden  Klassen,  auch  mir  und  meinen  Kindern  soll  cS  zu  Theil
werden,  im  Kampfe  für  und  mit  meiner  Klasse  will  ich  es  erringen.  Diese  eine  Waffe  de«  Proletariats,  die  Solidarität
und  die  feste  Bekundung,  daß  eS  anders  werden  soll  und  nmß,  sie,  wird  uns  an>  6.  November  zuin  Sieg  führen.
Parum,  auf  zur  Wahl  Parteigenossen.  Ahr  Arbeiter,  KleiuLürger.  Alle,  die  Ihr  darbt  und  entrechtet
seid!  Tretet  ein  für  den.  der  Eure  Interessen  mit  aller  Hingabe  vertreten  wird,  für  den  Genossen
Emil  Basner.
Das  sozialdemokratische  Maikomitee.

103.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  Wahl  im  23.  Kommunalwahlbezirk
            
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