Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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gegen  welche  sich  früher  der  Klassengeist  des  kleinen  und  mittleren
Bürgertums  fast  noch  mehr  sträubte,  als  die  neufeudalen  Tendenzen  der
etwas  weiter  blickenden  großen  Bourgeoisie.
Dieser  Entwicklungsgang,  das  meist  widerwillige,  zögernde  und  in
Halbheiten  sich  kundgebende  Zurückweichen  des  bürgerlichen  Vorurteils  und
Klassenegoismus  vor  den  mit  zunehmender  Kraft  andrängenden  politischen
und  sozialen  Ideen  der  Arbeiterdemokratie  wird  in  klassischer  Weise  veranschaulicht ­
  durch  die  Denkschrift,  die  Paul  Hirsch  unter  dem  Titel:
„25  Jahre  sozialdemokratischer  Arbeit  in  der  Gemeinde"  zur  25.  Wiederkehr ­
  des  Tages  geschrieben  hat,  wo  zum  erstenmal  sozialdemokratische
Vertreter  in  das  Berliner  Rathaus  einzogen.*)  In  überaus  reicher
Dokumentierung  wird  da  gezeigt,  wie  auf  allen  Gebieten  der  kommunalen
Betätigung,  von  der  Betonung  des  Selbstverwaltungsrechts  und  der
sonstigen  politischen  Rechtsansprüche  der  Gemeinde  angefangen  bis  zu
den  Einzelnheiten  der  kommunalen  Aufgaben  in  bezug  auf  Arbeiterpolitik ­
  und  allgemeine  Sozialpolitik,  Wohnungspolitik  und  Verkehrspolitik,
Schulpflege  und  Gesundheitspflege,  Steucrwcsen  und  Wirtschaftspolitik,
Armenfürsorge  und  Kunstpflege,  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten
Pionierarbeit  verrichtet  und  in  harten,  aber  unermüdlich  geführten  Kämpfen
bahnbrechend  gewirkt,  die  Widerstände,  wenn  nicht  bis  zur  völligen  Ohnmacht ­
  gebrochen  —  davor  schützt  sie  das  Klassenwahlrecht  —  so  doch  zur
moralischen  und  immerhin  in  vielen  Punkten  bis  zu  einem  gewissen  Grade
auch  tatsächlichen  Kapittllation  besiegt  haben.
„Auf  dem  Gebiete  der  Verkehrspolitik,"  schreibt  Hirsch  im  Vorwort, ­
  „ist  die  Reichshauptstadt,  deren  Vertreter  Jahrzehnte  hindurch  ihre
Straßen  und  Plätze  privaten  Erwerbsgesellschaften  zur  Ausbeutung  überlassen ­
  haben,  im  Begriff,  endlich  die  Bahnen  zu  wandeln,  die  die  Sozialdemokraten ­
  ihnen  längst  vorgezeichnet  hatten,  und  eigene  Linien  zu  bauen.
Auf  dem  Gebiete  des  Volksschulwesens  sind  erfteuliche  Fortschritte  zu
verzeichnen,  Fortschritte,  die  in  erster  Linie  den  Sozialdemokraten  zu  danken
sind.  Sind  sie  es  doch  gewesen,  die  als  erste  im  Roten  Lause  den  Ansturm ­
  gegen  die  den  Geist  und  Körper  schädigende  gewerbliche  Nebenbeschäftigung ­
  von  Schulkindern  unternommen  haben!  Sind  sie  es
doch  gewesen,  auf  deren  Anregung  die  Anstellung  von  Schulärzten  zurückzuführen ­
  ist!  Oder  werfen  wir  einen  Blick  auf  das  wichtige  Gebiet  der
städtischen  Arbeiterpolitik  I  Die  städtischen  Körperschaften,  die  vor
noch  gar  nicht  langer  Zeit  Maßnahmen  zur  Bekämpfung  der  Arbeitslosigkeit ­
  als  nicht  zu  ihrem  Pflichtenkreis  gehörend  rundweg  abgelehnt
haben,  beraten  heute  in  gemischter  Deputation  dieses  schwierige  Problem.
Die  Frage  der  Gewährung  eines  Ruhegehalts  und  einer  Hinterbliebenenversorgung ­
  für  städtische  Arbeiter,  eine  Frage,  die,  als  sie  die
Sozialdemokraten  vor  20  Jahren  auswarfen,  einfach  als  indiskutabel  bezeichnet ­
  wurde,  ist  heute  —  wenn  auch  noch  nicht  in  zufriedenstellender
Weise  —  gelöst.  In  der  Steuerpolitik  begegnen  wir  sozialdemokratischen
Spuren,  die  Einführung  der  Grundwertsteuer  ist  das  Werk  der  Sozialdemokratie, ­
  die  Wertzuwachssteuer,  deren  Notwendigkeit  wenigstens  vom

*)  25  Jahre  sozialdemokratischer  Arbeit  in  der  Gemeinde.  Die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie ­
  in  der  Berliner  Stadtverordnetenversammlung.  Auf  Grund  amtlicher  Quellen  geschildert ­
  von  Paul  Kirsch.  Berlin  I9V8,  Verlag  Buchhandlung  Vorwärts.  IX,  552  S.  gr.  8«.
            
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