Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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in  meinem  Pensionate  viele  Herren  sind,  mutz  ich  die  meisten
Mädchen  wegen  Unsittlichkeit  entlassen/'  Zweimal  verlietz  ein
Dienstmädchen  seine  Stelle,  weil  sie  von  ihren  Dienstgebern  keine
Ruhe  bekam/'  Ein  anderes  Dienstmädchen  teilte  dem  Herrn
Dr.  Stillich  mit:  „Und  von  dem  Herrn  des  Hauses  bin  ich  auch  in
zwei  Stellungen  ganz  gemein  belästigt  tvorden;  der  eine  war  Schuldirektor, ­
  der  andere  Fabrikbesitzer.  .'.  ."  Ein  Dienstmädchen  wurde
mit  Redensarten  ständig  bearbeitet,  „die  sich  für  ein  ordentlicbes
Mädchen  nicht  geziemen."  Mit  der  folgenden  beredten  Klage  eines
Dienstmädchens  schließen  wir  die  persönlichen  Mitteilungen  der
Dienstmädchen  an  Herrn  Dr.  Stillich:  „Der  Hausherr  wollte  mich
in  Abwesenheit  seiner  Frau  gewaltsam  gebrauchen."  —  „Wegen
schlechten  Essens,  schlechter  Schlafstellen,  grober  Beleidigungen,
darum  gehen  die  Mädchen  auf  den  Strich."  —  „Die  Herrschaften
achten  uns  nicht  genug,  sie  geben  uns  grobe  Wörter,  wie  Luder,
liederliches  Frauenzimmer  usw.  Trotzdem  wollen  die  Herrschaften
immer  anständige  Mädchen  haben,  aber  daß  der  Herr  und  die
Herren  Söhne  mit  Geld  und  anderen  Versprechungen  die  Mädchen
selbst  zu  Schlechtigkeiten  verleiten,  das  sagen  sie  nicht."
In  dem  sozial  rückständigen  Dienstbotenverhältnis  rennen  mit
voller  Wucht  gegeneinander  die  Angehörigen  zweier  Klassen  —  und
da  die  eine  Klasse  noch  nicht  zum  Bewußtsein  ihrer  Lage  und  zur
Organisation  des  Kampfes  um  die  Verbesserung  ihrer  gedrückten
Position  vorgeschritten  ist,  so  wird  sie  erbarmungslos  über  den
Haufen  gerannt.  Sie  wankt  und  —  gleitet  auf  die  Straße.  Die
großstädtische  Arbeiterin  ist  sich  über  ihre  soziale  Stellung  im
klaren,  sie  lebt  in  dem  gehobenen  Bewußtsein,  daß  sie  als  arbeitender,
schaffender  Teil  der  Gesellschaft  des  Adels  teilhaftig  ist,  den  die
Arbeit  verleiht.  Sie  wehrt  sich  gegen  jede  Herabsetzung  ihrer  weiblichen ­
  Ehre,  weil  sie  sich  bereits  als  Mensch,  als  mit  den  Angehörigen
aller  Klassen  gleichberechtigter  Mensch  fühlt.  Haussklapensinn  drückt
dagegen  das  Dienstmädchen  noch  zu  Boden.  Ihre  Ehre  hat  noch  in
ihren  Augen  vielfach  einen  Preis  —  und  von  dieser  Vorstellung  bis
zum  tatsächlichen  Preisgeben  der  Ehre  ist  oft  der  Weg  nicht  weit.
Die  Organisation  des  Kampfes  der  weiblichen  Dienstboten  für
die  Besserstellung  ihrer  wirtschaftlichen  und  sozialen  Stellung  ist
bisher  über  einige  schwächliche  Versuche  noch  nicht  hinausgekommen.
Die  Organisation  der  Dienstniädchen  zu  einer  Hausarbeiterinnen-Gewerkschaft
  würde  vielleicht  die  Loslösung  der  Mädchen  von  den
bürgerlichen  Haushaltungen  beschleunigen.  Gerade  der  engste  Kontakt ­
  der  verschiedenen  sozialen  Klassen  unter  einem  Dache  ist  ja  so
verhängnisvoll  für  die  Entivickelung  der  Prostitution  der  dienenden
Klasse.
Die  Statistik  Deutschlands  zeigt  erfreulicherweise  eine  stetige
Abnahmetendenz  in  der  Gruppe  „häusliche  und  persönliche  Dienstleistung". ­
  In  Deutschland  waren  1882  2,93  Proz.,  1895  2,59  Proz.
der  Bevölkerung  Dienstboten,
            
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