Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

sozialethische.  Rückenstärkung  des  jungen  und  erwachsenen  weiblichen
Proletariats  zielen  unsere  Reformvorschläge  in  erster  Linie  hin.
Durch  die  Begründung  sozialpädagogischer  und  sozialwirtschaftlicher
Fürsorgceinrichtungen  suchen  wir  das  Recht  des  Kindes  auf  eine
breite  und  feste  Basis  zu  stellen  und  namentlich  den  verwaisten
Kindern  und  den  Kindern  zerrütteter  Familien  einen  Ersah  für  das
fehlende  elterliche  Element  zu  schaffen.
Die  ausgebeutete,  sozial  und  politisch  rechtlose  Frau  der  proletarischen ­
  Klasse  entmenschte  sich  durch  den  Verkauf  ihres  Leibes.  Wir
sind  nun  seit  einigen  Jahrzehnten  Zeugen  eines  herrlichen  Kainpfcs
der  Frauen  für  ihre  wirtschaftliche  und  soziale  Gleichberechtigung
mit  dem  Manne.  Dieser  Kampf  wird  mit  dem  Einrücken  der  Frauen
in  alle  die  wirtschaftlichen  Stellungen  enden,  von  denen  sie-heute
noch  gesetzlich  ausgeschlossen  sind.  Die  Frau  wird  sich  im  schönen
Wetteifer  mit  dem  Manne  eine  wirtschaftliche  Stellung  erringen,  die
sic  weit,  weit  über  die  Verlockungen  eines  spielerischen,  müßigen
Lustdirnendaseins  hinaushebt  und  sie  an  allen  Errungenschaften
unserer  materiellen  und  geistigen  Kultur  teilnehmen  läßt.
Gerade  wer  den  Klassencharakter  der  heutigen  Prostitution  klar
begriffen  hat,  Ivird  sich  mit  ganzer  Energie  aus  die  ökonomische
und  soziale  Verbesserung  der  weiblichen  Klassen  werfen,  die  infolge
ihrer  schwankenden  Lebenslage  so  leicht  ein  Opfer  der  Straße  werden.
Schon  ist  mit  dem  machtvollen  Umsichgreifen  der  gewerkschaftlichen
Organisation  unter  der  weiblichen  Arbeiterschaft  der  Prozentsatz
von  Fabrikarbeiterinnen,  die  sich  auf  dem  Dirnenmarkte  wegwerfen,
gesunken.  Die  Parias  in  unserer  großstädtischen  Klassenwelt  sind
die  Dienstmädchen  geworden,  und  sie  bevölkern  setzt  vor  allein  die
Straße.  Aber  mit  der  Hebung  der  ökonomischen  und  sozialen
Situation  der  zu  Boden  gedrückten  weiblichen  Klassen  ist  der  Kampf
gegen  die  Prostitution  nicht  erschöpft.  Gilt  doch  dieser  Kampf  dem
Klassenprinzip  selbst!  Wenn  wir  hier  ein  umfassendes  sozialpolitisches
Programm  zur  Ausmerzung  der  Prostitution  aus  dem  sozialen
Organismus  aufstellen  ivolltcu,  so  müßten  wir  eigentlich  das  Programm ­
  der  streitbaren  sozialistischen  Arbeiterschaft  abschreiben.
Dieses  Programm  verkündet  aber  -  das  ist  ja  eben,  seine  charakteristische ­
  Seite  dem  Klassenprinzip  überhaupt  den  Untergang.
Wird  sich  die  Frau,  auf  der  nicht  inehr  der  wirtschaftliche  und
soziale  Zwang  zur  körperlichen  Preisgabe  lastet,  noch  verkaufen?
Die  geistig  und  moralisch  normale  Frau  dürfte  sich  wohl  nimmer-'
mehr  zu  einem  derartigen  Handel  verstehen.  Frauen,  denen  das
Persönlichkeitsgefühl  mangelt,  oberflächliche,  träge  Naturen  ohne
Verantwortlichkeitsgefühl,  werden  sich  höchstens  noch  dem  feilen
Liebesdienste  widmen.  Wir  stellen  in  der  Zukunft  die  Möglichkeit
der  Hingabe  der  Frau  an  den  Mann  zur  Erlangung  irgendwelcher
Vorteile  nicht  in  Abrede,  aber  wir  bestreiten  entschieden,  daß  diese
Prostitution  ein  soziales  Klassengepräge  an  sich  tragen  wird.  Es
ist  nicht  die  Angehörige  einer  unterdrückten,  sozial  schlecht  gestellten
Klasse,  die  sich  da  preisgeben  wird.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.