Neue Dichtung.
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Flucht und der bildenden Kraft einer großen Resignation zu
enden.
Wie teuer ist Schiller mit alledem seine Flucht aus Stutt⸗
gart zu stehen gekommen! Und um wie vieles leichter hatte
sich Goethe aus der Bahn beengender Zustände und eines un—
geliebten Berufes losgerissen!
In diesem Tiefpunkte seines Lebens trieb den Dichter die
Macht wiederum nach oben, die in ihm selbst vor allem den
Dichter machte: die Begeisterung. Ein Leipziger Doppelbraut—
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Werken verehrend schätzte, darunter der Sohn eines begüterten
Predigers und Universitätsprofessors, Körner, hatte ihm schon
früher Unterstützung angeboten. Jetzt folgte er dieser Stimme;
im April 17985 erschien er in Leipzig, und eine Freundschaft
hegann, die unter den vielen, die Schillers späteres Leben
adelten, zu den schönsten gehörte. Schiller hatte in seiner
Natur bei allem Selbstbewußtsein die Schmiegsamkeit, die ihm
auch als Mann noch enge Gemeinschaft mit Männern zu
schließen ermöglichte. Körner, selbst unproduktiv, war ein
fruchtbarer und doch behutsamer Kritiker, zudem ein Meister
besonnener Lebensführung: was mochte Schillern nicht aus dem
Zusammentreffen mit dieser ihm ergänzenden Natur erblühen!
Und auch der übrige Kreis von Freunden, nicht am wenigsten
der der Frauen, war behaglich. So stellte sich dem Dichter nach
langem Elend, so unselbständig und aussichtslos sein äußeres
Dasein noch erschien, die erste Lebensfrohheit wieder ein; und
aus Loschwitz, aus dem Dresdener Weinbergshäuschen Körners,
drang in dem Hymnus „An die Freude“ die enthusiastischste
UÜbertragung des Freundschaftsgefühls auf alles Leblose und
Lebendige, auf Natur und Geist in die Welt.
Auch geistig begann sich der Dichter wieder ein wenig zu
Hause zu fühlen. „Mit weicher Beschämung, die nicht nieder—
drückt, sondern männlich emporrafft“, sah er auf die Ver—
gangenheit zurück und deren Verluste: und faßte den herku—
lischen Entschluß, nachzuholen und zu lernen.
Wenig genug stand er im Grunde mit der zeitgenössischen
damprecht. Deutsche Geschichte. VIII. 2. 4