Warum nicht nach den anderen Ländern?
Um den Sinn und die Bedeutung der Arbeiterdelegationen West-
europas nach der USSR. zu verstehen, müssen wir zunächst die Frage
beantworten: „Warum ist es niemand während der Regierung
Macdonalds eingefallen, nach England zu reisen, um sich die Ver-
wirklichung des Programmes der 2. Internationale durch Macdonald
und Genossen anzusehen?‘“ Nach dem Kriege sind in vielen Ländern
rein sozialistische oder Koalitionsregierungen mit der Bourgeoisie ge-
bildet worden. Den Massen ist es aber nie eingefallen, sich an Ort
und Stelle davon zu überzeugen, wie die Sozialdemokraten ihres Staats-
amtes walten, wie sie den Kapitalismus stützen und gleichzeitig am
Sozialismus zimmern. Die uns feindlichgesinnte Presse behauptet, die
Delegationen nach der USSR. wären ein schlaues, geschickt vorbe-
reitetes Manöver, Agenten der Bolschewisten, die über große Summen
verfügen, hetzen die Arbeiter im Auslande auf, stellen irgendwelche
Arbeiterdelegationen zusammen und entführen sie im Triumph nach
der Sowjetunion, und zwar, wie die bürgerlichen und sozialdemo-
kratischen Zeitungen noch zu melden wissen, im Interesse und auf
Kosten des Sowjetstaates. Nehmen wir an, dem wäre tatsächlich so.
Daß die Annäherung an die Werktätigen der ganzen Welt im Interesse
der USSR liegt, haben wir nie bestritten. Nehmen wir ferner an, daß
dies das Werk „bolschewistischer Agenten‘ ist. Gibt es aber etwa
weniger sozialdemokratische Agenten? In Deutschland vereinigt die
SPD, 850 000 Mitglieder, die KPD, dagegen nur 120000. Warum,
frage ich nochmals, haben die Sozialdemokraten während der Re-
gierungszeit Macdonalds, desselben Macdonalds, der ein Buch über
den konstruktiven Sozialismus geschrieben hat, nicht die Frage einer
offiziellen oder inoffiziellen Delegation aufgeworfen, um sich mal in
der Nähe anzusehen, wie Macdonald seinen „konstruktiven
Sozialismus” in die Tat umsetzt? Warum ist den Macdonaldschen
Agenten nicht die Idee gekommen, eine Delegation zusammenzustellen,
sie auf Regierungskosten nach England reisen zu lassen, eine Empfangs-
feier im Bukingham-Palast zu veranstalten usw. Die Bolschewisten,
die sich nicht mit „konstruktivem‘ Geschwätz befassen, sondern das
Alte gründlich zerstört haben und jetzt am Neuen bauen, sie haben
es verstanden, das Interesse der Massen zu wecken, Gegen den Willen
der sozialdemokratischen Spitzen wählen und senden die Belegschaften
Delegationen nach der USSR., mag sein mit Hilfe „bolschewistischer
Agenten”, gibt es aber in den Betrieben keine Sozialdemokraten?
Versuchen wir den Massenandrang nach der USSR, vom sozial-
demokratischen Standpunkt zu erklären, so werden wir nichts be-
greifen. Nur innerlich tote Menschen, die das Neue in der inter-
nationalen Arbeiterbewegung nicht sehen wollen, können die Front-
schwenkung der Massen nach der Sowjetunion mit böswilligen Machen-
schaften bolschewistischer Agenten und der Sowjetdiplomatie in Zu-
sammenhang bringen. Die Sozialdemokraten können weder einen
Grund dafür angeben, warum die Arbeiter nicht gereist sind, um den
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