das macht. Sie interessiert alles: Der Aufbau unserer Gewerkschaften,
die Lohnverhältnisse, die Rolle und die Bedeutung der Betriebsräte,
die Wechselbeziehungen zwischen den Belegschaften und den Betriebs-
verwaltungen, die Arbeiterpresse, die Gefängnisse, die Formen des
Sowjetstaates, unsere Unterrichtsmethoden, die Sozialversicherung, die
Produktion, der Stand unserer Industrie, Wohnungsfrage, Genossen-
schaftswesen, Kunst, mit einem Wort, das gesamte Öffentliche,
politische, wirtschaftliche, Partei-, Gewerkschafts- und: soziale Leben
in unserem Lande, Man hat ihnen stets erzählt, daß in Sowjetrußland
das Leben stockt, alles gedrosselt ist, daß man in Rußland das Lachen
verlernt hat, daß die GPU, ein Vampyr ist, der den Arbeitern das
Blut aus den Adern saugt, ihr Lachen erstickt. Sie wollen alles und
alle sehen, betasten, untersuchen. Sie gehen überall hin, in die
Fabriken, beobachten den Betriebsrat bei seiner Tätigkeit, versuchen
mit den Arbeitern ungestört zu sprechen. Man hat sie ja gewarnt,
daß sie ständig von Agenten der GPU. begleitet und beobachtet werden
würden. Einige von ihnen haben uns später lachend erzählt, wie miß-
trauisch sie anfänglich waren, wie sie sich überall beobachtet fühlten
und um Gewißheit zu erhalten, eiligen Schrittes das Hotel verließen,
geschäftig die Straßen durchkreuzten und -querten, um festzustellen,
ob sie verfolgt würden.
Alle Delegationen nach der USSR. geben auf die Frage, warum
sie gekommen sind, zur Antwort: Sie möchten erfahren, was denn
eigentlich das von der kapitalistischen Welt bitter gehaßte Sowjetrußland
vorstellt, Sie kommen nicht als Vergnügungsreisende, sondern, wie
gesagt, zu Informationszwecken. Jeder von ihnen versucht, möglichst
viel Material zusammenzutragen. Es wäre natürlich lächerlich, be-
haupten zu wollen, daß man ein Land wie die USSR. in einigen
Monaten gründlich studieren kann. Der Aufenthalt von ein oder zwei
Monaten genügt jedoch, um sich darüber Klarheit zu verschaffen, cb
die Arbeiterklasse tatsächlich ausgestorben ist, wer der Herr ist in
der Sowjetunion, ob es dort eine Bourgeoisie gibt, ob sie eine ent-
scheidende Rolle spielt, wer den Staat lenkt, in wessen Händen sich
die Fabriken, Banken usw. befinden, Die Versuche der sozialdemo-
kratischen und bürgerlichen Journalisten, die Berichte der Delegationen
als unwahr zu erklären, sind daher vergebliche Mühe. Der französische
Journalist Henri Berault hat auch nur zwei Monate in der Sowjet-
union geweilt und ein dickes Buch geschrieben. Er hat vieles gesehen,
aber nicht das, was die Arbeiterdelegationen sehen, Er interessierte
sich hauptsächlich für das Schiebertum. Er suchte die gekränkte
Bourgeoisie auf, die ihm die Leiden, die ihr die Revolution zufügte,
klagte, Er ging in die Cafes und verglich sie mit den Kaffeehäusern
in Paris, Er suchte nach bürgerlichen Zeitungen und war betrübt, fest-
stellen zu müssen, daß seine Freunde in der USSR. nicht die Presse-
und Redefreiheit haben usw, Berault, der ja auch nur zwei Monate
in Sowjetrußland war, ist dessenungeachtet jetzt ein „Kenner“ der
russischen Verhältnisse, Sämtliche französischen Zeitungen brachten
spaltenlange Enthüllungen und Entdeckungen dieses Herrn.
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