Full text: Warum reisen Arbeiterdelegationen nach Sowjetrußland?

Es hat keinen Zweck, die schmutzigen Lügen der bürgerlichen Presse, 
die ja nur dazu existiert, um die Arbeiter zu verleumden, hier wieder- 
zugeben, als ob die Delegierten persönlich an der Reise nach Rußland 
interessiert gewesen wären. Bemerkenswerter ist die Rolle der sozial- 
demokratischen Zeitungen im Kampfe gegen die Delegationen und ihre 
Versuche, eine Berichterstattung an die Wähler zu verhindern. Sogar 
die Zweite und die Amsterdamer Internationale mischten sich ein, indem 
sie nicht nur in ihren offiziellen Publikationen, sondern auch in ihren 
Sitzungen gegen die englische Delegation und den von ihr veröffent- 
lichten Bericht Stellung nahmen. So stand die Frage der britischen 
Delegation auf der Tagesordnung der gemeinsamen Vorstandssitzung 
der Zweiten und Amsterdamer Internationale im Februar 1925. Die 
Creme des internationalen Kompromißlertums, die Mertens, Vander- 
velde, Jouhaux, Wels und Oudeegest, stürmten in geschlossener Froni 
gegen die Engländer an, weil sie sich anerkennend über die Sowjet- 
gewerkschaften, die Einheit der internationalen Gewerkschaftsbewegung 
und die USSR., geäußert hatten. Der Sekretär der Zweiten Internationale, 
Friedrich Adler, brachte eine Broschüre heraus, in der er den Bericht 
der britischen Delegation ein „unehrliches Buch‘ nannte. Die gesamte 
sogenannte öffentliche Meinung wurde gegen die englischen Delegierten, 
gegen die Ketzer mobilisiert, die es gewagt hatten, die Wahrheit über 
die Sowjetunion zu sagen. 
Nicht anders lagen die Dinge in Deutschland, der Tschecho- 
slowakei, Frankreich usw. Zahlreiche Arbeiter wurden aus der SPD. 
ausgeschlossen, weil auch sie das Verbrechen begangen hatten, die 
Wahrheit über Sowjetrußland zu berichten. Ja, wenn sie nach ihrer 
Rückkehr aus der USSR, den gleichen Unsinn berichtet hätten, wie 
der bürgerliche ‚Journalist Henry Berault oder ähnliche hysterische 
Aufsätze veröffentlicht hätten, wie die Dozentin für Sexualfragen Emma 
Goldmann, dann wäre jeder Delegierte von der Bourgeoisie und Sozial- 
demokratie mit offenen Armen empfangen worden. Daß sie aber die 
Dinge so schilderten, als ob die Werktätigen in der USSR. noch immer 
leben, keine Reue zeigen und keine Sehnsucht empfinden weder nach 
der Bourgeoisie noch nach den Menschewisten, das konnte kein recht- 
gläubiger Sozialdemokrat ertragen. „Die öffentliche Meinung“ in 
Europa und Amerika benötigte ganz bestimmte Nachrichten über 
Sowjetrußland - Wer das nicht berücksichtigt, setzt sich den Angriffen 
der Feinde der USSR., der Kapitalsdiener, aus. Gegen die zurück- 
gekehrten Delegierten bildete sich eine Einheitsfront aus Polizei- 
behörden, Unternehmern, der gelben Presse und der Zweiten und 
Amsterdamer Internationale, wobei die „Alliierten“ gemeinsam und 
einzeln versuchten, das eine oder andere Mitglied für sich zu gewinnen 
und gegen die Mehrheit auszuspielen. In einigen Fällen gelang es 
auch unseren Gegnern, irgendeinen „Augenzeugen‘“ auf ihre Seite zu 
ziehen, Die Tatsache ihrer geradezu rührenden Einmütigkeit in der 
Verfolgung der Delegationen erhöhte aber nur das Interesse der Massen 
‚an den Delegationen. Das kann kein Sozialdemokrat leugnen. Wohl 
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