Full text : Das Ich und der Staat

V. Überstaatliche Bindungen des Jchs Ñ
getragen wird, daß auf der anderen, der jüdischen Seite aber die
Neigung vorherrscht, jedes deutsche Ich, das das Bestehen einer
Judenfrage nicht schlankweg leugnet, des Antisemitismus anzuklagen
und damit von vornherein für parteiisch befangen zu erklären. Tatsächlich
 empfindet doch jedes deutsche Ich das jüdische Ich ungefähr
im gleichen Sinn als anders geartet, als „rassefremd“", wie etwa
das türkische oder das arabische Ich, und zweifelt daher nicht daran,
daß es dem jüdischen Ich mit dem deutschen ebenso gehe. Werturteile
 brauchen mit dieser Empfindung nicht notwendig verbunden
zu sein, aber die Empfindung leugnen zu wollen, nur weil man
kein Werturteil damit verbindet, wäre kurzsichtig. Geklärt kann
der Stand der Dinge nur werden, wenn beide Parteien sich vorurteilsfrei
 und unbefangen aussprechen.
Solch eine Aussprache herbeizuführen, hat Ferdinand Avenarius
in seinem Kunstwart vor Jahren einmal versucht. Was damals an
Dokumenten zutage gefördert wurde, liefert auch heute noch wertvolle
 Beiträge zu einer sachlichen Erörterung der Judenfrage. Avenarius
 veröffentlichte im ersten Märzheft des Jahrganges 1912
einen Aufsatz „Deutsch-jüdischer Parnaß““, den ein jüdischer Schriftsteller
 namens Moritz Goldstein ihm eingesandt hatte und den so
leicht keine andere Zeitschrift oder gar Zeitung unverändert abgedruckt
 hätte.
Der Kern von Goldsteins Ausführungen steckte in dem Satze:
„„Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns
die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht“’. Er erläuterte
die Behauptung näher dahin: „„Niemand bezweifelt im Ernst die
Macht, die die Juden in der Presse besitzen. Namentlich die Kritik
ist, wenigstens in den Hauptstädten und ihren einflußreichsten
Zeitungen, geradezu im Begriff, jüdisches Monopol zu werden.
Ebenso bekannt ist das Vorherrschen des jüdischen Elementes im
Theater: fast sämtliche Berliner Theaterdirektoren sind Juden, ein
großer, vielleicht der größte Teil der Schauspieler desgleichen, und
daß ohne jüdisches Publikum ein Theater- und Konzertleben in
Deutschland so gut wie unmöglich wäre, wird immer wieder gerühmt
 oder beklagt. Eine ganz neue Erscheinung ist, daß auch die
deutsche Literaturwissenschaft im Begriff scheint, in jüdische Hände
überzugehen, und es ist, je nach dem Standpunkt komisch oder

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