Full text : Das Ich und der Staat

V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
Heimische, das uns Volksmäßige, das in unsern Tiefen Ursprüngliche
stark gehalten werden, sonst kommt heraus, was in Japan herauskommt,
 wenn man nicht bloß all das Europäische in die Zivilisation
herüberholt, sondern auch die Kultur, die Kunst europäisieren will.
Wie kann der Eine fremden Stammes und fremder Geschichte für
die hundert Anderen zum Pfleger ihrer Eigenwerte berufen sein?"
Sowohl auf Grund des Stoffes, den damals der Kunstwart zutage
 gefördert hat, wie auf Grund der Erfahrungen, die jedes Ich
täglich zu machen in der Lage ist, ergibt sich zunächst die eine
grundlegende Tatsache: die Stellung zur Judenfrage ist nicht einheitlich,
 weder auf deutscher Seite – es wäre das größte Wunder
der Geschichte, wenn sie es hier wärel ~ noch auf jüdischer Seite.
Auf deutscher Seite durchläuft die Stellungnahme von ausgesprochener
 Vorliebe über gedankenlose Gleichgültigkeit bis zum
schroff ablehnenden Rassenhaß alle Abstufungen. Wesentlicher als
die Abstufungen und die Liebenswürdigkeiten, womit sie einander
nach biederer deutscher Vätersitte zu bedenken pflegen, ist aber der
nicht wegzuleugnende Begleitumstand: daß in den reichlich hundert
Jahren, seit die Juden nicht nur neben der deutschen Volksgemeinschaft,
 sondern in und mit der deutschen Volksgemeinschaft leben,
niemals ein ernsthafter Versuch gemacht worden ist oder auch nur
vorübergehend Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, den jüdischen
Staatsbürgern die grundsätzliche Gleichberechtigung mit den deutschen
 wieder zu entziehen. Wohl hat es nicht an Parteien oder
Richtungen gefehlt, und fehlt es auch heute nicht, die diese Entziehung
 fordern, aber eine wirkliche Gefahr für die grundsätzliche
Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger sind sie bisher noch
in keinem Augenblick gewesen. Das sollte, bei Erörterung der
Frage, auch von jüdischer Seite nicht übersehen oder geflissentlich
in den Hintergrund geschoben werden.
Die Stellungnahme der Gegenseite läßt + unbeschadet des Umstandes,
 daß das Bestehen einer Judenfrage von den meisten Juden
aus taktischen Gründen bestritten wird drei Schichten erkennen.
Es gibt Juden, die in jeder Beziehung Juden bleiben und nicht
deutsch werden wollen. Es gibt Juden, die den Rassenunterschied
zwischen Juden und Deutschen dadurch überwinden wollen, daß sie

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