IV. Das Jch als Masssenteilchen
der Verlag seine Tageszeitung in zwei Teile, wovon der efne
morgens, der andere abends verabreicht wird. Es hat schon seinen
Grund: der deutsche Leser kauft sich seine Zeitung nur ausnahms-
weise auf der Straße, er ist an , festen Bezug‘“ gewöhnt. Und ehe
er sich zum regelrechten Bezug einer zweiten Tageszeitung entschließt,
eher ~ verspielt er den doppelten Betrag täglich im Skat. Aber +
er nötigt die Zeitung damit zu Maßnahmen, die ihr und ihm nicht
gut bekommen.
Die Zeitung ist ihrem Wesen nach das Kind des Tages. Die
gegebene Zeit zu ihrer Herstellung ist der späte Abend und die Nacht,
wenn andere Leute ruhen. Wem's nicht paßt, so zu arbeiten, der
muß nicht unter die Zeitungsleute gehen. Wenn der Tag einiger-
maßen abgeschlossen hinter uns liegt, dann soll der gesamte Stoff,
den er uns zugetragen hat, vom Denkorgan der Zeitung gesichtet,
durchgearbeitet und in gefälliger Form zusammengestellt werden,
auf daß der Morgen das Kunstwerk für einen Tag fertig vorfinde.
Das ist das Ideal, das die Wirklichkeit niemals ganz erreichen
wird – Ideale sind nicht dazu da, erreicht zu werden, sondern dazu,
einem nimmer müden Streben die Richtung zu weisen ~ dem die
gute Zeitung aber doch so nah wie möglich kommen soll. Das
Nahekommen aber macht sich die Zeitung unmöglich, die den Stoff
eines Tages nicht als Ganzes, sondern stückweise verarbeitet. Von
künstlerischer Durcharbeitung und Geschlossenheit kann keine Rede
mehr sein, wenn die Zeitung für ihre Abendausgabe halbfertige
Arbeit liefern und für die Fortsetzung aufs Morgenblatt vertrösten
muß. Kann kein Faden zu Ende gesponnen, muß er abgerissen und
nach sechs oder zwölf Stunden neu angeknüpft werden, so darf man
kein Webermeisterstück erwarten.
Die schlimmste Rückwirkung des mehrmaligen Erscheinens einer
Tageszeitung aber ist vielleicht die auf den Geisteszustand ihrer
Schriftleitung. Wer beim Abschluß eines Abendblattes schon an das
Morgenblatt, wer zwischen zwölf und zwei Uhr nachts schon daran
denken muß, daß morgen früh die Arbeit für's neue Abendblatt
losgeht, der kommt innerlich überhaupt nicht zur Ruhe. Die Ge-
hetztheit, die der Zeitungsarbeit nun einmal anhaftet, hat im
deutschen Zeitungsbetrieb, namentlich der Millionenstadt Berlin, eine
Höhe erreicht, die der überlegenen Urteilsbildung durchaus abträglich
ß A.