IV. Das Jch als Massenteilchen )
ist. Die Richtigkeit wird unbedenklich hinter den, gewiß nicht zu
entbehrenden Grundsatz der Fixigkeit zurückgestellt, und von einem
ruhigen Überblick über die Summe der Geschehnisse, die der Tag
uns zuträgt, ist schließlich keine Rede mehr. Wir alle haben's +
im Krieg und nach dem Kriege ~ oft genug schaudernd miterlebt.
Und wieviel Zeitungen gibt's im lieben Deutschland denn überhaupt,
die über den Apparat verfügen, den ein mehr als einmaliges Er-
scheinen von rechts wegen erfordert? Man kann sie an den Fingern
einer Hand herzählen, aber man braucht keineswegs die ganze Hand
dazu. Mehr als ein halbes Hundert aber glauben, es den wenigen,
die sich's leisten können, mit unzulänglichen Mitteln nachtun zu
müssen.
Die deutsche Zeitung schleppt aber noch eine andere, süße Ge-
wohnheit des Daseins mit, die zwar bequem für die äußere Zer-
gliederung des Stoffes sein mag, der innerlichen Einheit und Zu-
sammenfassung aber hemmend im Wege steht. Das ist der dicke
schwarze Strich, der sich durch das .Denkorgan und folglich auch
durch das Denken des zeitunglesenden Ichs zieht. Nördlich von
diesem Strich begeben sich die politischen, südlich die ,feuilletonisti-
schen‘“ Angelegenheiten. Und ist zwischen beiden eine Kluft befestigt,
worüber es in normalen Zeiten kein Hinwegkommen gibt. Tote
Fürsten, Feldherren und Staatsmänner werden im ,,politischen Teil“
begraben, tote Künstler, Professoren und Tänzerinnen ,,im Feuille-
ton‘). Den 100. Geburtstag Bismarcks feiert man überm Strich,
den 100. Geburtstag Richard Wagners unterm Strich. Beide Ver-
treter des Deutschtums im ausklingenden 19. Jahrhundert haben
dem deutschen Namen die Welt erobert – aber im Denken des
zeitunglesenden Normaldeutschen gehören sie verschiedenen Welten an.
Sollen beide Welten einmal zusammenkommen, so muß schon die
Welt ringsum in Flammen stehn oder das Haus des deutschen
Volkes krachend zusammenstürzen. Und wenn sie bei solch ,fest-
lichen“’ Gelegenheiten zusammenkommen, gibt's sicher zum allge-
meinen Unglück ~— ein besonderes.
Wie soll das deutsche Ich seine Kultur, sein Deutschtum als eine
Einheit empfinden, wenn sie ihm von seinem Denkorgan stets nur
in Stücken vorgesetzt wird, wenn sein Denkorgan Grenzen zieht und
erhält, die fallen müssen, soll das deutsche Volk je ein einheitlich
Harms , Das Ich und der Staat ß
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