IV. Das Jch als Massenteilchen , ê
seitigkeit der Betrachtung. Wer aber nur unter bestimmtem Ge-
sichtspunkt betrachtet, der kann sich nicht nur aufs Berichten ver-
legen, der muß notgedrungen im Berichte schon urteilen. Nur
dadurch, daß die Zeitung dem lesenden Ich die Dinge stets unter
bestimmtem Gesichtspunkt zeigt und ihm, ohne daß es viel davon
merkt, zugleich das Urteil über die Dinge mitgibt, kann die Zeitung
die Masse ihrer Leser dauernd zusammenhalten. Wollte eine Zeitung
sich darauf einlassen, „auch dem gegnerischen Standpunkt gerecht
zu werden“", wollte sie danach trachten, sich das Lob zu verdienen,
das den ,,objektiven“’ Geschichtsschreiber aufs höchste ehrt, sie
könnte ihren Laden ebensogut gleich zumachen.
Vorurteilsfreiheit, Leidenschaftslosigkeit, Unparteilichkeit von einer
Zeitung zu verlangen, heißt ihr Wesen verkennen. Nicht das soll
man ihr zum Vorwurf machen, daß sie einen bestimmten Stand-
punkt der Betrachtung einseitig festhält; sondern einen berechtigten
Vorwurf wird man gegen sie erst dann erheben können, wenn sie
bald den, bald jenen Standpunkt einnimmt, oder wenn sie überhaupt
keinen festen Standpunkt erkennen läßt. Womit ja noch nicht gesagt
ist, daß jeder recht hätte, der von seinem einseitigen Standpunkt
aus einer Zeitung , schwankenden Charakter‘ vorwirft. Im stetigen
Fluß von Werden und Vergehen kann die Zeitung nicht unbesehen
heute loben, was sie gestern gelobt hat, und morgen schelten, was
sie heute gescholten hat. Der Zwang, die Einstellung zu den Dingen
von Tag zu Tag einer erneuten Nachprüfung zu unterziehen, gehört
auch mit zum Wesen der Zeitung, dafür ist sie das Kind des Tages.
Wie aber kann, bei stetigem Fluß der Dinge um sie her, und bei
der Notwendigkeit, sich zu diesen fließenden Dingen immer von
neuem einzustellen, die Zeitung einen festen Gesichtspunkt überhaupt
gewinnen und innehalten? Sie kann das nur durch die Art ihrer
Einstellung zum Staatsganzen, zur staatlich organisierten Volks-
gemeinschaft. Solange diese ihre grundlegende Einstellung klar
erkennbar ist, wird man ihr alles Mögliche vorwerfen können, nur
nicht Charakterlosigkeit. Daß eine Zeitung der andern von Zeit zu
Zeit die Berechtigung dieser ihrer grundlegenden Einstellung be-
streitet, tut nichts zur Sache. Das ist lediglich ein Element des
Kampfes, der der Vater aller Dinge ist; ein Element, das trotz
abstoßendster Formen, worin es in Deutschland meist auftritt ~
fs
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