Full text : Die deutsche Wirtschaft

144 Dr. J. W. Reichert:
über die jeweilige Menge von Zahlungsmitteln und Sachleistungen, die
für die Ententemächte bestimmt werden, zu entscheiden hat.
Dann und wann hört man, wir könnten beruhigt sein; angesichts
der Ersparnisse, die Deutschland infolge der Einschränkung seines
Heeres und seiner Marine gemacht habe, ferner wegen der großen
Eisenbahnüberschüsse, die es in der Vorkriegszeit erzielt habe, sei es,
theoretisch betrachtet, wohl imstande, die Reparationen zu leisten,
ohne großen Schaden zu nehmen. Allein das Deutschland der Gegenwart
 unterscheidet sich von dem der Vergangenheit nicht nur durch den
Wegfall von Wehrmachtsausgaben, sondern auch durch den Wegfall
von reichen deutschen Einkommensquellen im In- und Ausland. Das
Entscheidende für den Transfer, d.h. die Überführung von Bar- und
Sachleistungen, ist sicherlich die Tatsache, daß vorerst unsere Handelsbilanz
 hoffnungslos passiv ist und nur durch Kredite ausgeglichen wird.
Selbst im Jahre der Stabilisierung 1924 hat die Außenhandelsbilanz
in der Ausfuhr mit einem Minus von mehr als 2,7 Milliarden gegenüber
der Einfuhr abgeschlossen. Die 1924 hereingekommenen Auslandskredite
 müssen diesen Betrag überschritten haben”), da sonst die Erhaltung
 der Markstabilisierung unmöglich gewesen wäre, Im Jahre
1925 betrug in acht Monaten, bis einschließlich August, die Passivität
nicht weniger als 3,123 Milliarden,
Selbst für die Aufspeicherung der Reparationszahlungen im Inland
ist es nicht gleichgültig, an welchen Adern die Blutsauger sich ansetzen.
Offensichtlich richtet sich die Ausbeutung mehr gegen die Industrie als
gegen andere Wirtschaftszweige. Zwar wird durch die Belastung der
Reichsbahn infolge der höheren Frachten auch die Landwirtschaft
getroffen, die hauptsächlich für den Versand ihrer Erzeugnisse die
Eisenbahn benötigt, Die Industrie jedoch ist gleichermaßen im Versand
 wie im Bezug der Rohstoffe auf die Reichsbahn angewiesen. Erst
recht werden Industrie und Gewerbe durch die sechsprozentigen
Industrieobligationen getroffen, die 16% ‚des Vermögens vom
31. Dezember 1923 belasten. Es ist wichtig, sich einen Überblick
über die gesamte Industriebelastung der Gegenwart zu
beschaffen.
Zunächst ist es die von der Londoner Konferenz 1924 verlangte
Übernahme und Verzinsung einer Reparations-Obligationsschuld
 von 5 Milliarden, die jährlich 300 Millionen Goldmark für
Zinsen und Tilgung erfordert. Dazu kommen als jährliche Repa-*)
 Nach einer Außerung. des Reichsbankpräsidenten (Karlsruher Rede) betrug im
September 1925 die Verschuldung an das Ausland, einschließlich der Dawes-Anleihe,
3 bis höchstens 3% Milliarden Mark, von denen 1% Milliarden langfristig und eine
etwas höhere Summe kurzfristig gegeben ist,
            
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