Durch die Welt unserer Intellektuellen geht zur Zeit eine starke,
wenn auch widerspruchsvolle Bewegung. Die Stellung der
geistigen Arbeit ist ökonomisch und gesellschaftlich im Wandel
begriffen und jeder einzelne Intellektuelle, durch diesen Wandel
persönlich betroffen, sucht nach neuer geistiger und politischer
Orientierung. Dieses Suchen drängt viele Intellektuelle in die
entgegengesetztenund doch verwandten Richtungen des Faschismus
und des Bolschewismus, erfüllt viele mit dem Irrwahn einer
neuen „Führerideologie" und treibt die meisten in Organisati-
onen, deren Inhalt und Aufgaben ihnen selbst erst halb be-
wußt sind.
Erscheinungen dieser Art haben wohl die Leitung der Freien
Sozialistischen Hochschule in Berlin veranlaßt, mich zu
einem Vortrag über das Thema „Der geistige Arbeiter in der
gegenwärtigen Gesellschaft“ einzuladen. Ich habeam 17. April1926
den Vortrag gehalten und übergebe ihn, ermuntert durch die
Leitung der Hochschule, hiermit nahezu unverändert dem Drucke.
Um dessen Lektüre nicht zu erschweren, habe ich es unterlassen,
ihn mit historischen und literarischen Belegen zu belasten. Ich
hege das Vertrauen, daß die heutige intellektuelle Jugend selbst
die Forscher hervorbringen wird, welche die ökonomische und
geistige Geschichte der intellektuellen Klassen schreiben, und muß
mich begnügen, zu dieser notwendigen Arbeit einige Anregungen
gegeben zu haben. Ich hoffe, daß sie nicht wertlos sind und
fruchtbar werden.
Auch in dieser gedrungenen Form kann die vorliegende Arbeit
zwei Zwecken dienen: Sie kann den „Intellektuellen“ die Ver-
ständigung über sich selbst und den „Manuellen“ das Verständ-
nis der Intellektuellen erleichtern. Beides scheint mir für die
nächste Zukunft der sozialen Entwicklung geboten.
Wien, den 1. Oktober 1926
Dr. Karl Renner