Intelligenzproletariat – Boheme
Geistiger Arbeiter
Mie kapitalistiscche Entwicklung gebiert täglich neue
Probleme. Sie ist die Umwälzung in Permanenz,
. die alle Schichten der Gesellschaft, die herrschenden
nicht minder als die beherrschten, ergreift und ständig umwan-
delt. Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren insbesondere
eine Gruppe ergriffen, die man heute als geistige Arbeiter-
schaft bezeichnet. Der Begriff geistige Arbeiterschaft, geistige
Arbeit ist im gewissen Sinne geradezu erst von heute! Man
hat vor zwanzig und dreißig Jahren angefangen, von einem
„Intelligenzproletariat‘““ zu sprechen. Aber man sprach
davon in einem anderen Sinne und mit anderer Betonung
als heute von geistiger Arbeit. Wenn von Intelligenzprole-
tariat die Rede war, so in dem Sinne, daß neben der in
die bürgerliche Gesellschaftsverfassung eingegliederten Intelli-
genz eine kleine Gruppe deklassierter Intellektueller lebte, die
damals zum erstenmal in größerer Zahl auftrat, ein Intelli-
genzproletariat gleichsam als Abfall und Deklassationspro-
dukt der bürgerlichen Gesellschaft, nicht aber als eine Gruppe,
die einen normalen Bestandteil der Gesellschaft darstellt, wie
der ist, den die geistige Arbeiterschaft heute bildet. Es war ein
Ausnahmefall, von dem man sprach. Die Regel war: Besitz-
und Bildungsklassen sind identisch. Wenn Gebildete nicht
den besitzenden Klassen angehörten, so war das die Ausnahme.
Diese Ausnahme ist geschichtlich die Fortsetzung einer früheren,
auch sozial schr bedeutsamen Erscheinung, der Erscheinung der
Boheme. Sie war eine kleine Schar vonIntellektuellen, welche,
ohne sich zum Sozialismus zu bekennen, ohne eine bestimmte
Weltanschauung auszudrücken, sich entweder freiwillig oder aus
Verschulden einer proletarischen oder halbproletarischen Lebens-
weise befleißigten, das Leben des „Spießbürgers‘“ verachteten
und um freiere Daseinsgestaltung rangen.