Object : Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

Merkantilistische
 Auffassung.


Freihandelsrichtung,


Sozialismus,

$ 2,
Die Aufgaben des Staates in wirtschaftlicher Beziehung.
Die Auffassung, welche Aufgaben dem Staate in betreff des wirtschaftlichen
 Lebens zufallen, ist in den verschiedenen Zeiten je nach
lem Kulturzustande, selbst in den Grundprinzipien sehr ungleich gevesen,
 und bis zur Gegenwart können wir fortdauernde Schwankungen
Jarin beobachten. Das Merkantilsystem verlangte bekanntlich die
weitgehendste Regelung der Volkswirtschaft durch den Staat, da man
sie wie eine Art Kunstpflanze ansah, und schrieb der Staatsgewalt in
Jieser Hinsicht Omnipotenz zu. Dies hatte für das siebzehnte und
Jen Anfang des achtzehnten Jahrhunderts auch eine gewisse Berechtizung,
 da sich bei den Vertretern der Staatsgewalt die höchste Inelligenz
 befand, und in ihrer Hand fast allein grössere Geldmittel
zonzentriert waren. Schon die Physiokraten stellten sich in der
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf den entgegengesetzten Standaunkt
 und wollten dem Staate nur negative Aufgaben zuweisen, wie die
Beseitigung aller Hemmnisse, um möglichste wirtschaftliche Freiheit zu
arzielen, dann aber das Prinzip des „laisser faire, laisser passer“ zur
Geltung zu bringen. Diese selbe Anschauung vertreten Adam Smith
ınd seine Schule, die als Freihandelsschule oder Manchestergartei
 bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in der
Wissenschaft wie in der Staatspraxis . mehr oder weniger massgebend
zewesen ist. Seitdem ist auch hiergegen eine Reaktion eingetreten,
ler zum Teil schon seit dem 18. Jahrhundert durch die extreme
sozialistische Richtung vorgearbeitet war. Diese geht bekanntlich noch
äber den Merkantilismus hinaus, indem sie verlangt, dass der Staat
aicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die sozialen Verhältnisse
zu regeln habe, um eine möglichste Gleichheit des Lebensgenusses zu
erzielen. Aber auch von diesem Extrem abgesehen, werden in der
neueren Zeit dem Staate wieder ungleich höhere Aufgaben vindiziert.
Die Freihandelsrichtung hatte ihre hohe Bedeutung , ja sie war ihrer ersten
Zeit unerlässlich, um mit dem Wust mittelalterlicher Schranken, der
Knechtung der unteren Klassen und den polizeilichen Beschränkungen
der individuellen Freiheit aufzuräumen. Wir verdanken ihr in der
Hauptsache den wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung des letzten
Jahrhunderts. Aber sie beging den verhängnisvollen Fehler, zu meinen,
dass mit der Beseitigung der alten Schranken das Ziel erreicht sei.
Sie konnte es zunächst gar nicht beurteilen, was dies für Folgen haben
würde, da es an der nötigen Erfahrung fehlte, und übersah daher,
dass sich in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit neue Uebelstände
entwickeln mussten, von denen man bisher keine Ahnung haben konnte.
[hre Auffassung, dass sich in dem Zustande wirtschaftlicher Freiheit
eine allgemeine Harmonie entwickeln würde, da sie annahm, dass
zwischen dem Privat- und Gesamtinteresse ein Gegensatz nicht vorhanden
 sei, erwies sich als Falsch. Es entwickelte sich vielmehr ein
allgemeiner Kampf um das Dasein, in dem der Schwächere der willkürlichen
 Ausbeutung des Stärkeren verfiel und sich eine Anzahl
Weniger auf Kosten der Gesamtheit zu bereichern vermochte. Es
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.