„Schuster bleib bei deinem Leisten“, ist ein ins Amerikanische nicht
übertragbares Sprichwort.
Und dass im ganzen gesehen die Aufstiege zahlreicher sind als
die Abstürze, wird einem ebenfalls klar, wenn man das Wachsen
des nationalen Reichtums und des gesamten Volkseinkommens
während der letzten Jahre in Betracht zieht. Der gesamte National-
reichtum des Landes betrug im Jahre 1900 erst 88,5 Milliarden
Dollar, er stieg bis zum Jahre 1912 auf 186,3 Milliarden Dollar und
in den nächsten zehn Jahren bis 1922 auf 320,8 Milliarden Dollar.
Dagegen wuchs in derselben Zeit (1900 bis 1919) die Bevölkerung
nur von 76 auf 106 Millionen. Selbst wenn man die Minderung des
Nominalwertes des Geldes, in dem dieser Reichtum (für 1922) aus-
gedrückt ist, berücksichtigt, bleibt die Steigerung doch eine ganz
gewaltige. Allein der heutige Bestand an Motorfahrzeugen be-
deutet eine Vermögenszunahme von über 4% Milliarden gegenüber
dem Jahre 1912, und der industrielle Maschinerie- und Werkzeug-
bestand, der an Wert am meisten zugenommen hat, ist in der einen
Dekade um etwa das Fünffache gewachsen. Und endlich für das
Jahr 1924’ allein wird eine Steigerung des Nationalreichtums um
10 Milliarden Dollar offiziell angegeben, darunter für 1% Milliarden
neuer Automobile.
Von diesem nationalen Reichtum befinden sich drei Fünftel in
den Händen von zwei Hundertsteln der reichsten Staatsbürger‘?),
eine „Mittelklasse“, die 35 Prozent der Bevölkerung ausmacht, be-
sitzt ein weiteres Drittel davon, und die restliche Masse von
65 Prozent des Volkes besitzt das verbleibende eine Zwanzigstel.
Das Volkseinkommen der Vereinigten Staaten wurde im Jahre
1919 auf 66 Milliarden Dollar geschätzt. Auf das eine Prozent der
Bevölkerung mit den höchsten Jahreseinkommen (bis herunter zu
10 000 Dollar) entfallen 12 Prozent des gesamten Volkseinkommens,
auf die nächsten 13 Prozent (mit Einkommen von 2000 bis 10 000
Dollar) entfallen 28 Prozent, und auf den grossen Rest von 86 Pro-
zent des Volkes (mit unter 2000 Dollar) kommen die verbleibenden
60 Prozent.
Ausser der Raumweite und dem Gesamtreichtum des Landes,
das immer noch Zeiten erlebt, die man im alten Deutschland, als
die Industrialisierung im vollen Schwunge war, „Gründerjahre“
nannte, begünstigt noch ein weiterer, nicht zu unterschätzender
Umstand die schnelle und spielhaft unberechenbare Bildung grosser
neuer Unternehmungen und Vermögen: der für den Europäer fabel-
hafte Massenkonsum gleichartiger Artikel über ein Gebiet hin, das
immerhin mehr Einwohner zählt als Deutschland und Frankreich
FE 1) Als die reichsten Leute des Landes gelten Henry Ford mit 550, John D. Rockefeller mit 500,
die Familie Guggenheim mit 200, Percy Rockefeller, J, B. Duke und George F, Baker, die
Vanderbilts und die Astors mit je 100 und Mellons mit 75 Millionen Dollar.
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