als landwirtschaftliche Lohnarbeiter, sondern auch in grosser Zahl
als Eigentümer und namentlich als Pächter. Aber auch in den
Industriestaaten gehören nicht alle Neger zum untersten Prole-
tariat. In Chicago haben Neger einen Teil der weissen Bevölkerung
gegen sich aufgebracht, weil sie nach und nach die Häuser einer
ganzen Strassenreihe käuflich erworben haben. Es gibt unter ihnen
viele Tausende wohlhabender und sogar reicher Geschäftsleute,
Kaufleute, Tingeltangelbesitzer und andere mehr. Auch Lehrer,
Redakteure, Bürgermeister (in Gemeinden mit einer Negermehrheit)
fehlen nicht unter ihnen!). Ausserdem haben sie in Betrieben und
Bergwerken, deren Arbeiterschaft ganz oder grösstenteils aus
Negern besteht, auch leitende Stellungen, z.B. in den Bergwerken
West-Virginiens. Und selbstverständlich führen auch die südöst-
lichen Einwanderer und deren Nachkommen nicht ausnahmslos die
untergeordneten proletarischen Arbeitsleistungen aus. Da sind
zunächst unter den Emigranten aus den slawischen Ländern zahl-
reiche Juden, die, sofern sie nicht in der Konfektionsbranche als
Arbeiter beginnen, sich in allen möglichen Zweigen des Handels
bewegen. Von den Griechen ist drüben bekannt, dass sie durch
Zusammenhalten und extreme Sparsamkeit sich aus Kellner- und
Dienerstellungen manchmal zu Geschäfts- und Restaurations-
inhabern emporarbeiten. Das gleiche mag auch Italienern glücken.
Und nicht jeder Pole ist ein Bahnstreckenarbeiter oder Fabrik-
tagelöhner. Jede dieser Einwanderergruppen hat sicherlich quali-
fizierte Handwerker, wohlhabende Gewerbetreibende und An-
gehörige der freien, gehobenen Berufe aufzuweisen.
Diese gewiss zahlreichen Ausnahmen widerlegen indessen nicht,
dass die typische Armut und der Brennpunkt des sozialen Problems
— nach unserer eigenen Wahrnehmung und allen uns möglichen
Feststellungen — zu einem auffallend grossen Teil unterhalb der
„Zivilisationslinie“, „Kulturgrenze“, oder wie man es drüben noch
nennt, liegen, d.h. bei jenem farbigen und neu zugewanderten Volks-
element, von dem zuvor die Rede war.
Der des öfteren schon erwähnte Südosten des Landes ist der
Hauptsitz des Negerproletariats. Dort arbeiten sie sowohl als
landwirtschaftliche Tagelöhner wie auch als Industriearbeiter in der
Roheisengewinnung im Staate Alabama, in den Bergwerken von
Westvirginien und besonders auch in der in den Südstaaten heimi-
schen Baumwollgewinnung und -verarbeitung, Die Baumwoll-
& 1) Abgesehen davon, dass Heiraten zwischen Schwarzen und Weissen in Amerika ungültig sind,
ist der Neger in bürgerlicher und politischer Beziehung mit dem Weissen formell völlig gleich-
berechtigt. Die politische Gleichberechtigung wird indessen nicht selten von den Weissen zu ihren
Gunsten kräftig korrigiert. Das massivste Mittel hierzu sind die Gummiknüppel der Ku-Klux-Klan-
Verbindung, die in den Südstaaten den Neger oft gewaltsam an der Wahlausübung hindern. Schmerz-
loser, aber wirksamer ist das Verfahren von Behörden und Gesetzgebungen, die das Wahlrecht an
die Voraussetzung von Hausbesitz, Vermögensbesitz oder dergl, knüpfen, diese Einschränkungen
aber in der Praxis nur gegen die Neger anwenden, während der weisse Bürger ungehindert wählen
darf, ohne nach seinem Besitz gefragt zu werden.
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