Full text : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

tagelöhner, der im gleichen Staate (Kansas) bei freiem Lebensunterhalt
 und mancherlei Sondervergünstigungen, wie z.B. einem
Pferd zu seiner Verfügung, zwischen 30 und 50 Dollar monatlich
erhält.
Ist also die Lage dieser Arbeiter keineswegs eine glänzende,
so muss man doch nach den Beweggründen fragen, die die Leute
im besten Alter veranlassen, diese Art Arbeit zu verrichten. Soweit
 Farmer und Farmarbeiter in Betracht kommen, haben wir
die Frage bereits beantwortet. Auch bei den Studenten liegt der
Fall klar. Dann bleiben aber immer noch 30 000 bis 60 000 Industriearbeiter,
 von denen wiederum nur ein Teil durch Arbeitslosigkeit
zur Annahme dieser Beschäftigung bewogen wird. Man hat den
Rest mit der Freude am abenteuerlichen Wanderleben zu erklären
versucht, dafür spricht auch der Umstand, dass (von den Farmern
abgesehen) die meisten der Leute unverheiratet sind, was das
soziale Problem dieser Arbeiterkategorie mildert. Zudem wechseln
die Individuen mit jedem Jahr zu einem grossen Teil. Immerhin
zeigt sich auch hier, dass manche Vollbürger und hundertprozentige
 Amerikaner im untersten Stockwerk des sozialen
Baues stehenbleiben. Auch Armut fehlt unter ihnen nicht, sowohl
unter den Farmern wie unter den Industriearbeitern, was wir schon
an anderer Stelle gezeigt haben. Wir haben tief im Landesinnern
typische Armeleutefarmen gesehen, die den Pächter oder auch
Eigentümer kärglich ernähren. Man darf sich allerdings auch
nicht darüber täuschen, dass das baufällige Mäuschen und vernachlässigte
 Gerät eines amerikanischen Farmers nicht immer auf
Armut schliessen lässt. Der Spekulationsgeist, dem auch der
Farmer dort unterliegt, treibt ihn von einem Staat zum andern.
Er gibt mit einer dem Europäer schwer begreiflichen Leichtigkeit
sein Anwesen auf, um auf einem anderen sein Glück zu versuchen.
Darum versucht er — besonders auf der niederen Anfangstufe —
seltener, dem Anwesen, das er besitzt oder in Pacht bearbeitet,
die sorgliche Pflege angedeihen zu lassen, mit der unser Bauer
seinen Hof und seine Scholle zum Obiekt seines Stolzes und seiner
Liebe gestaltet. Dem Farmer sind Haus, Hof und Acker Produktionsstätte,
 „Betrieb“ in erster Linie. Unserem Bauern ist sein Fleckchen
 Erde, das klein und darum kostbar ist, „Heimaterde“, „Vatererde“,
 mit der er verwurzelt ist, die ihn und an der er festhält.
Trotz dieser Finschränkung gibt es unstreitig viele ländliche Armlichkeit.
 Am schlimmsten soll sie in den sogenannten Border-hill
countries (siehe die Karte Seite 114), das sind die Randstaaten zu
beiden Seiten des Felsengebirges vom Süden zum Norden, besonders
 um Neu-Mexiko, Nevada, Utah, Wyoming, vertreten sein.
In diesen dünn bevölkerten, fernab gelegenen und wenig frucht-16


            
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