Arbeitszeit voll zu bezahlen!). Die Hauptstadt Milwaukee hat eine
auf breitester Grundlage errichtete Gewerbe- und Fortbildungs-
schule mit vielen hundert Lehrkräften, die in ihrem vorzüglichen
Aufbau als eine geistige und soziale Grosstat angesehen werden
kann. Sie beruht auf einer Verbindung der Grundgedanken der
deutschen Gewerbeschule, Kunstgewerbeschule und technischen
Hochschule. Es fehlt auch hier wieder der Hemmschuh ängstlicher
Abgrenzung. Ihr Leiter, Mr. Cooley, hat das gewerbliche und
technische Schulwesen in Deutschland durch eigene Anschauung
kennengelernt und teils auch in Anlehnung an deren Grundideen
mit der „Vocational-School“ zu Milwaukee ein Werk eigenartiger
Prägung geschaffen, indem er die Lehrmethode so organisierte,
dass so ziemlich alle beruflichen und technischen Fähigkeiten der
ihm anvertrauten Schüler und Schülerinnen herausgefunden und
entwickelt werden können. Von Deutschland spricht Mr. Cooley
mit grosser Achtung.
Abgesehen von einer solchen Einrichtung wie im Staate Wis-
consin kann jedoch wiederholt werden, dass im allgemeinen auch
für höhere Bildungsmöglichkeiten die Grenzlinie — aus schon dar-
gelegten Gründen — zwischen der Ober- und der Unterschicht der
Arbeiterschaft hindurchläuft, und diese Trennungslinie scheint
uns sogar eine der entscheidenden, wenn nicht die entscheidende
zu sein.
Der breite Weg und die weiten Pforten zu jeglicher Bildungs-
einrichtung — wohl der beste Teil amerikanischer Demokratie —
können in ihrer Bedeutung für die soziale Gestaltung und Gesinnung
des Landes kaum überschätzt werden. Die Zahl der Studierenden
auf höheren Schulen reicht gegenwärtig nahe an eine halbe Million!
Die Zahl der eingesessenen Staatsbürger ist eben so dünn, dass für
einen weit grösseren Bruchteil derselben als irgendwoanders ein
über blosser Tagelöhnerstellung liegender Platz im Erwerbsleben
frei ist, ja, man kann, trotz des starken Andranges zu allen Bil-
dungsstätten und der damit verbundenen Anwartschaft auf ge-
hobene. Berufsstellungen, nicht sagen, dass eine Überfüllung auf
diesen Gebieten — selbst nur für die absehbare Zukunft — be-
fürchtet wird. Im Gegenteil hält die Nachfrage nach geschulten
Kräften an. .
b) Der soziale Aufstieg der Frau.
Die Nachfrage nach schulmässig ausgebildeten Kräften im
Erwerbsleben machen sich besonders die Frauen des Landes zu-
nutze. Die ungünstigen, völlig proletarischen Arten der weiblichen
Beschäftigung haben wir bereits kennnengelernt, so dass noch kurz
1) In’anderen Staaten müssen dies zumeist erst die Gewerkschaften durch tarifvertragliche Ab-
machung!lausbedingen. — Vgl, das Beispiel eines amerikanischen Tarifvertrages auf Seite 145 ff.
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