die wir besuchten, können wir guten Gewissens dasselbe berichten,
und weder die Kellner noch die Barbiere zu New York bewegen
sich flinker als in Berlin. Dagegen haben wir einen höheren Arbeits-
effekt gefunden unter anderem und vor allem in verschiedenen
Zweigen der Metallindustrie. Dies hat zwei augenfällige und ganz
verschiedene Ursachen. Typisch für die erste ist der Fordbetrieb.
Die „Vorleute“, ein Zwischenglied zwischen eigentlichen Werk-
meistern und Arbeitern, haben für die Beschaffung der Zeichnungen
und ähnlicher erforderlicher Hilfsmittel Sorge zu tragen. Zerbricht
der Arbeiter ein Werkzeug, einen Hammerstiel u. dgl., so legt er
das zerstörte Stück beiseite. Irgendein Tagelöhner, der zu diesem
ausschliesslichen Zweck immer die betreffende Abteilung durch-
wandert, greift das Werkzeug auf und schafft in wenigen Minuten
den Ersatz heran. Diese Ersparnis unnötiger Verrichtungen setzt
sich in höheren Produktionseffekt um; aber was beweist das
für den besseren Willen des amerikanischen Arbeiters? Wer
die Wallfahrten deutscher Metallarbeiter von einer Abteilung in
die andere nach einer Zeichnung aus eigener Erfahrung kennt, wer
die Konferenzen und Massenversammlungen vor den Werkzeug-
ausgaben in unseren Maschinenfabriken schon erlebt hat, der weiss,
dass der deutsche Arbeiter viel darum gäbe, wenn er dank einer
entsprechenden Betriebsorganisation diese ärgerlichen Trödeleien
in ein rhythmisches Arbeitstempo umsetzen könnte. Eine solche
Organisation ist auch in Amerika nicht überall durchgeführt. Wir
sahen Reparaturwerkstätten der Eisenbahn im Landinnern, wo an
Gemütlichkeit des „Arbeitstempos“, gekreuzten Beinen und Spazier-
gängen nach der Werkzeugstelle nichts zu wünschen blieb.
Dann gibt es aber ausserdem den Typ von Betrieben mit
„forschem Arbeitstempo“. Es sind dies technisch rückständige
Betriebe, die jedoch nach echter Unternehmersehnsucht die
mangelnde Ergiebigkeit ihrer technischen Einrichtung durch An-
treiben ihrer Arbeitskräfte ersetzen. Sie beschäftigen mit Vorliebe
hilflose Leute, Kinder, Frauen, sprachunkundige Einwanderer, die
nicht überall Beschäftigung finden usw. Diese Art „Tempo“ findet
man in kleinen und kleinsten Schokoladenfabriken, Konserven-
fabriken, Metallwarenfabriken usw., aber auch in grösseren Unter-
nehmen. Die riesigen Schlächtereien und Fleischfabriken von
Chicago dürften z.B. nach unseren Eindrücken eine Kombination
der erstgenannten und der letzteren Art der Arbeitsbeschleunigung
darstellen und wahrscheinlich auch das grosse Versandgeschäft
von Sears Roebuck in Chicago, das mit einer vortrefflichen Be-
triebstechnik und dabei mit meistenteils weiblichen Kräften arbeitet.
In der Hauptsache ist es aber die überaus bedeutende und rasend
schnell gross gewordene Metallwaren- und Maschinenindustrie, die
eine überlegene Betriebsorganisation aufweist.
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