Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

ganz auf feuilletonhafte soziale Schilderungen und eigene Beob- 
achtungen angewiesen. Von den letzteren haben wir an ver- 
schiedenen Stellen unseres Berichtes gesprochen. 
Auch die Verhältnisse im Süden, die fast durchweg schlechter 
sind als im übrigen Lande, werden, wie wir mehrfach andeuteten, 
ungenügend ermittelt. So z. B. stützt sich die Statistik der Durch- 
schnittslöhne, welche die Unternehmervereinigung „National In- 
dustrial Conference Board“ in dem Buche „Wages and hours in 
American Industry“ anstellte, auf sehr viele Berichte aus dem 
Norden, dagegen auf nur wenige aus dem Süden, doch ist es frag- 
lich, ob eine proportionelle Berücksichtigung des Südens bei solchen 
Ermittelungen die Endziffern wesentlich verändern würde, da 
immerhin der weitaus grösste Teil aller Industrie im Norden ist, 
dessen soziale Verhältnisse von den staatlichen und korporativen 
Untersuchungen schärfer durchleuchtet werden. 
Die Unterschiedlichkeit in der Entlohnung zwischen Norden 
und Süden erinnert an Verhältnisse, wie sie in deutschen Gauen 
vor dem Kriege bestanden, wo z.B. in süddeutschen Städten mit 
guten Arbeiterorganisationen für ein und dieselbe Arbeitsart und 
-leistung genau 100 Prozent mehr gezahlt wurden als in länd- 
lichen Industriegegenden, wie im Schwarzwald, der damals in 
Ermangelung gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse noch das 
Glück des „freien Spiels von Angebot und Nachfrage“ genoss, 
bis die Ausdehnung des Tarifvertrages auf ganze Landschaften 
nach dem Kriege jener „Freiheit“ ein Ende machte. Die ameri- 
kanischen Gewerkschaften haben, wenn sie sich später mehr 
verallgemeinern und ausdehnen, in dieser Beziehung ein noch 
kaum zu übersehendes Arbeitsfeld. Noch sind ganze Kernstücke 
des eigentlichen Industriegebietes in einzelnen Berufen und Ge- 
werben „organisationsfrei‘“, nicht zu reden von den Rändern des 
Industriebezirks und gar vom Süden. Die ungleiche Stärke der 
Arbeiterorganisationen in den verschiedenen Territorien macht 
die Lohnverhältnisse so verschiedenfältig und schwer über- 
sichtlich. Die Differenzen der Lohnhöhe aber verwandeln sich zu- 
meist in ungerechtfertigte Spekulations- und Zufallsgewinne. 
2. Preise und Lebenshaltung. — Reallöhne. 
Bei der verschiedenen Lebensart des amerikanischen und des 
deutschen Arbeiters ist eine unmittelbare Vergleichung irgendwie 
errechneter sogenannter „Reallöhne“ nahezu unmöglich. Würde 
man z.B. gemäss der von der deutschen Reichsstatistik an- 
genommenen Lebenshaltung des deutschen Arbeiters auch für den 
amerikanischen Haushalt einer durchschnittlichen Familie den un- 
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