Object : Methodische Einführung in die allgemeine Wirtschaftsgeographie

§  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  9
Kanäle,  das  rollende  Material  der  Eisenbahnen  an  die  Geleise.  Hier
ist  der  Charakter  eines  Verkehrsgebietes  recht  deutlich  aus  der  auf
eine  Einheitsstrecke  —  etwa  100  km  —  entfallenden  Zahl  der  Personen- ­
  und  Güterwagen  bzw.  der  Flußfahrzeuge  unter  der  selbstverständlichen ­
  Berücksichtigung  ihres  Fassungsvermögens  zu  entnehmen. ­
  Auch  die  tatsächlich  geleisteten  Tonnen-  bzw.  Personenkilometer ­
  ergeben  eine  einigermaßen  klare  Uebersicht  der  Verkehrsbedeutung. ­

Nicht  durchführbar  ist  natürlich  die  Beziehung  auf  den  Baum
bei  denjenigen  Verkehrsmitteln,  die  in  keiner  Weise  an  ein  fest  abgeschlossenes ­
  Gebiet  gebunden  sind.  Kann  man  etwa  noch  Wagen
und  Automobile  auf  die  Fläche  einer  Stadt  oder  einer  Landschaft
verrechnen  (besser  wäre  freilich  auch  hier  die  Beziehung  auf  Straßenlängen), ­
  so  ist  das  bei  dem  allerwichtigsten  Beförderungsmittel  ganz
ausgeschlossen,  nämlich  bei  den  Seeschiffen.  Hier  bleibt  uns  keine
andere  Möglichkeit,  zu  einem  treffenden  Urteil  über  die  Bedeutung
der  Handelsflotten  zu  gelangen,  als  deren  Verrechnung  auf  die  Bevölkerungseinheit. ­

Beispiel:  Die  absolute  Zahl  der  Registertonnen  einer  Handelsflotte,  wie  sie
in  der  Regel  in  geographischen  Werken  aufgeführt  wird,  besagt  gar  nichts,  ja,  solche
Zahlen  können  unter  Umständen  zu  ganz  falschen  Schlüssen  führen.  Ganz  anders
und  viel  packender  wirkt  dagegen  auch  hier  die  Nebeneinanderstellung  der  Verhältniszahlen. ­
  Verrechnen  wir  die  Registertonnen  der  Handelsflotten  auf  je  tausend
Einwohner,  so  erhalten  wir  um  das  Jahr  1909  in  Italien  auf  diese  Einheit  der  Bevölkerung ­
  31,  in  Frankreich  37,  im  Deutschen  Reiche  44,  dagegen  in  Großbritannien
253  und  in  Norwegen  sogar  647.  Der  innige  Zusammenhang  mit  der  See  und  die
Abhängigkeit  vom  großen  Verkehr  von  Ozean  zu  Ozean  bei  Großbritannien  und  vor
allem  bei  Norwegen  tritt  in  diesem  Beispiel  mit  einer  auf  keine  andere  Art  zu
erreichenden  Deutlichkeit  zutage.
Schließlich  sei  darauf  hingewiesen,  daß  man  die  fest  mit  dem
Raume  verbundenen  Verkehrseinrichtungen,  wie  Eisenbahnen,  Kanäle,
Landstraßen  usw.,  mit  gutem  Grunde  auf  eine  Einheitsfläche  beziehen
kann.  Weniger  empfiehlt  sich  die  immer  noch  übliche  Beziehung
dieser  festen  Linien  auf  die  Bevölkerung,  ja  sie  vermag  geradezu
irreführend  zu  wirken.  So  hat  sich  z.  B.  das  sächsische  Eisenbahnnetz ­
  von  1890—1911  um  700  km  vergrößert.  Die  Dichtezahl  der
sächsischen  Bahnen,  die  in  diesem  Zeitraum  von  16,6  auf  21,2  km
auf  je  100  qkm  wuchs,  vermittelt  dementsprechend  eine  richtige  Vorstellung ­
  von  den  während  jener  beiden  Jahrzehnte  gemachten  Fortschritten. ­
  Ganz  anders  aber  die  Verrechnung  der  Bahnen  auf  die
Einwohner,  die  eine  Abnahme  von  7,2  auf  6,6  km  für  je  10000  Bewohner ­
  des  Königreichs  ergibt.
Wollen  wir  die  Einwohnerzahl  mit  der  Bahn  in  Beziehung  setzen,
so  hat  dies  nur  dann  einen  Wert  für  die  Beurteilung  einer  Landschaft, ­
  wenn  wir  die  im  Raume  festliegenden  Verkehrslinien  in  Beziehung ­
  zu  den  ebenfalls  mit  dem  Raume  unverrückbar  verbundenen
Siedlungen  setzen.
Beispiel:  Verrechnen  wir  die  Einwohner  bestimmter  Siedlungen,  etwa  der
für  den  Lokalverkehr  besonders  wichtigen  Mittelstädte  von  mehr  als  20000  Einwohnern ­
  auf  die  Längeneinheit  einer  Bahnstrecke,  so  ergeben  sich  höchst  lehrreiche
Verhältniszahlen.  Als  Beispiel  sei  die  Strecke  Berlin—Halle  mit  der  sie  weiter  nach
Bebra  fortsetzenden  Strecke  in  Vergleich  gestellt,  wobei  die  Endpunkte  der  beiden
Teillinien  außer  acht  gelassen  werden.  Auf  jedes  Kilometer  der  bis  Halle  reichenden
Strecke  kommen  an  Bewohnern  solcher  Mittelstädte  im  Jahre  1910  283  bei  einer
            
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