Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

brechen dürfen“, sagte uns in Chicago einer der klügsten Gewerk- 
schaftsführer. Aus solchen Gründen sind wohl auch die Gewerk- 
schaften, als das Gesetz selbst nicht mehr zu verhüten war, dafür 
eingetreten, dass man wenigstens den Begriff der leichten Ge- 
tränke, die nicht unter das Gesetz fallen, etwas weiter spanne. Eine 
solche Lockerung wird wahrscheinlich auch für die Zukunft der 
einzige gangbare Weg sein, um die Nachteile der jetzt bestehenden 
Vorschriften zu beseitigen. An einen Widerruf des Gesetzes selbst 
ist nach aller Voraussicht nicht zu denken. Die amerikanische Ver- 
fassung gibt zwar Raum für Zusätze und Nachträge zu ihrem Text, 
enthält jedoch keine Bestimmung darüber, ob und wie einer ihrer 
Artikel und Bestandteile wieder entfernt werden kann. 
Was wir hier kurz über das amerikanische Alkoholverbot be- 
richteten, klingt gewiss nicht wie ein Preisgesang. So klar man 
aber auch das Unheil, Elend und Verbrechen erkennen mag, welche 
der Trunkenheit wie ein Schatten folgen, und so gross unsere Be- 
reitwilligkeit ist, beizutragen zu dem Kampf gegen den Missbrauch 
des Trinkens, so haben wir doch weder Anlass noch Berechtigung 
zu der Bemühung, die amerikanische Form der Alkoholbekämpfung 
günstiger zu sehen als die Amerikaner selbst, oder deren Wirkungen 
anders darzustellen, als sie sich unseren eigenen Augen darboten. 
Die allgemeine Schulungsarbeit, die Sportbewegung und die fort- 
schreitende Verkürzung der Arbeitszeit, drei Faktoren voneminenter 
Wichtigkeit für die geistige und sittliche Kultur wie für die Ge- 
sundheit eines jeden Volkes, haben überall niederen Saufgelüsten 
das Tummelgelände mehr und mehr begrenzt — auch in Amerika. 
Die gehobene Kultur und Denkart nahm der Trinksitte ihre Rolle 
als Lebensinhalt ganzer Volksmassen. Das Verbot hat diese Sitte 
oder Unsitte mit einem neuen Reiz umwoben. So denken und 
sagten uns zahlreiche Amerikaner, und nicht die schlechtesten. Die 
Zahl derer, die das Prohibitionsgesetz in seiner derzeitigen Form 
billigen, ist bestimmt eine Minderheit — vielleicht sogar eine 
kümmerliche. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die Zahl 
seiner Anhänger fortwährend geringer wird und ehemals eifrige 
Befürworter von ihm abrücken. Zu seinen Gegnern gehören nicht 
nur Flaschenbierhändler und Schnapsbrenner — diese vielleicht 
am wenigsten, denn die grössten und gerissensten verstanden sich 
auf recht einträgliche Weise der allerorts blühenden Schieberei an- 
zupassen. Vor allem aber lehnt es die grosse Zahl derer ab, die der 
Meinung sind, dass eine blosse Verbrauchsrationierung von un- 
bestimmter Höhe zu teuer bezahlt sei mit der Lockerung des 
Respektes vor Gesetz und Staatsgewalt, der Verderbung der Volks- 
gesundheit durch Eigenerzeugung von schlechtem Ersatz und dem 
Grossziehen von Schiebertum und Korruption. Zu den Gegnern des 
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