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Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
Diese Agenten erhalten von den Verwaltungen für die Transporte, die sie ihnen
zuweisen, vielfach gewisse Anteile an der Fracht, und es kommt ihnen nicht viel darauf
an, auf wie hoch sich die Fracht fiir diese von ihnen angeworbenen Güter stellt. Sie
jagen daher ein jeder für seine Linie dem andern rücksichtslos die Transporte ab und
sind auch selbstverständlich sehr geneigt, von den Verfrachtern dafür, daß sie ihnen die
Fracht recht billig berechnen, kleine oder große Trinkgelder anzunehmen, auf diese Weise
also ein doppeltes Geschäft zu machen.
Linker derartigen Mißständen leidet hauptsächlich und in erster Linie der anständige,
ehrenhafte Geschäftsmann. In Chicago beispielsweise bestehen neben den öffentlichen
auch im Privateigentum befindliche Getreidespeicher. Die ersteren haben richtige, die
letzteren unrichtige Wagen, deren Gewichtsangaben gleichwohl von einigen Eisenbahnen
als richtig angenommen werden. Nun hat sich nach und nach herausgestellt, daß die
Getreidehändler, die auf den Privatspeichern ihre Ware lagerten und von diesen zuin
Versand brachten, erheblich billigere Preise stellen konnten als ihre Mitbewerber, die
sich der öffentlichen Lagerhäuser bedienten. Auf die Dauer können letztere einen solch
unehrlichen Mitbewerber nicht aushalten, sic sind gleichsam genötigt, zu denselben
Mitteln zu greifen, wodurch das ganze Geschäft geradezu entsittlicht wird. Bei einer
in Chicago angestellten Llntersuchung sind kaum glaubliche Tatsachen ermittelt, Fracht
hinterziehungen für Gewichtsmengen von 8, 10, ja 15 Tausend Pfund bei einer einzigen
Wagenladung berechnet worden. Ein Wagen der Chicago- und Northwestern Eisen
bahn sollte 21600 Pfd. Kleie enthalten; die Fracht war vorausbezahlt. Beim Über
gang auf eine andere Bahn wurde er nachgewogen; das wirkliche Gewicht betrug nicht
weniger als 45500 Pfd., also war die Fracht für 23900 Pfd. von Chicago bis
zur Llmladestation „gespart".
Auch bei vielen anderen Frachtgegenständen, bei Vieh, Fleisch, Speck u. dgl.
sind ähnliche Dinge vorgekommen. Besonders zahlreich sind auch die falschen Inhalts
angaben der Stückgüter. An einem einzigen Tage, dem 29. Februar 1888, wurden
auf den Bahnhöfen in Chicago und St. Louis 14 Fälle falscher Inhaltsangaben
ermittelt, indem die einer höheren Klasse angehörigen Artikel als unter eine niedrigere
fallende fälschlich angegeben waren. So waren z. B. Glaswaren (Klasse 1) bezeichnet
als irdene Ware (Klasse 4), Drucksachen (Klasse 1) als Druckpapier (Klasse 3), Spiegel
glas (Klasse 1) als Fensterglas (Klasse 4) u. dgl. Als Inhalt eines Wagens waren
Äolzwaren angegeben. Die Untersuchung ergab, daß er zahlreiche andere Gegenstände,
als Bürsten, Drogen, Pappsachen, ja sogar ein Zimmerharmonium enthielt. Die
Frachthinterziehung belief sich für diesen Wagen auf etwa 1800 Dollars.
Einen weiteren Mißstand bildet der Fahrkartenhandel auf den amerikanischen
Bahnen, das sog. „Skalpiergeschäft" (man bezeichnet die Fahrkartenhändler mit dem
Ausdruck: Ticket scalpers).
Die Skalper sind wohl zu unterscheiden von den, von den Eisenbahnen selbst
angestellten Fahrkartenhändlern, die im Auftrage der Bahnen die Fahrkarten zu
denselben Preisen wie die Bahnen verkaufen. Die Skalper verkaufen billiger als die
Bahnen. Ihr Gewerbe besteht darin, daß sie einmal von den Eisenbahnen die für
längere Reisen, für Rückfahrten, zu ermäßigteil Preisen ausgegebenen Fahrkarten,
ferner die Zeitkarten, die Tausendincilenkarten usw. erwerben und dann Teile dieser
Karten für Einzelreisen wieder an das Publikum abgeben. Wenn sie sich von den
Reisenden auch ein Aufgeld hierfür geben lassen, so können sie doch immer geringere
Preise stellen als die Bahnen. Ferner erwerben die Skalper von dem Publikum
unbenutzte Rückfahr- und sonstige ermäßigte Karten zu geringerem Preise, die sie dann
mit Nutzen weiterveräußern und dabei doppelten Gewinn erzielen. Besonders sind
sie stets bei der Land, wenn bei Tarifkriegen die Eisenbahnen Massen von Karten
zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen. Da blüht so recht ihr Weizen, denn