Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

hältnissen emporgearbeitet haben. Wenn sich die Vahlpropagärida, 
nur zur Hälfte auf wahre Tatsachen stützte, dürfte/eS’in den höchsten? 
Stellungen nur wenige Persönlichkeiten geben; Bene iS 
Stiefelputzer oder Zeitungsjunge angefangen Haben.‘ Als in Kr 
jungen deutschen Republik ein ehemaliger Arbeit Reichspräsident 
wurde, sahen weite Kreise darin den sichtbarst@i ‚Ausdru k we 
Sittenverderbnis und einer ganz und gar verrückte ät as in 
„Sattlergeselle“ sich anmassen durfte, das höchste StaatSamt zu 
bekleiden. Auch solche, die unumwunden die hervorragende staats- 
männische Eignung Fritz Eberts anerkannten, kamen doch über den 
„dunklen Schatten“ seiner Arbeitervergangenheit nicht hinweg. In 
Amerika versucht jeder Bewerber um ein hohes politisches Amt 
krampfhaift, solche „dunklen Punkte‘ in seiner Vergangenheit nach- 
zuweisen, um damit die Stimme der öffentlichen Meinung für sich 
zu gewinnen. Das sind typische Äusserungen einer allgemeinen 
Volkspsyche, die sich sehr von derjenigen in europäischen Ländern 
unterscheidet, und die nicht ohne Einfluss ist auf die ideologische 
Einstellung auch der Arbeiterbewegung. 
n * 
2. Aus der Entstehungsgeschichte 
des Gewerkschaftsbundes ( American Federation of Labor) 
Die Entstehung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung 
hat sehr viel Ähnlichkeit mit derjenigen in europäischen Ländern. 
Die Zunitverfassung des Gewerbes führt die Handwerksgesellen 
der einzelnen Berufe in lokalen Verbindungen zusammen. Zweck 
der Vereinigung ist die Pflege von Unterstützungseinrichtungen. 
Ursprünglichineiner organisatorischen Verbindung mit den Meistern, 
tritt allmählich eine Trennung ein, und mit der zunehmenden Indu- 
strialisierung gerät das gemeinsame Handwerksinteresse mehr und 
mehr in Konflikt mit dem besonderen Arbeitsinteresse. Damit voll- 
zieht sich der Übergang zur modernen Gewerkschaftsbewegung. 
Schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts traten Ar- 
beiterkongresse zusammen, auf denen die Gründung von nationalen 
und internationalen Fachverbänden beschlossen wurde (ebenso wie 
heute noch verstand man unter „nationalen“ Organisationen solche, 
die sich auf das Bundesgebiet beschränkten, während die „inter- 
nationalen“ Kanada, früher auch Mexiko einbegriffen). Indie Zeit von 
1850 bis 1880 fällt die Gründung der meisten heute bestehenden 
Zentralverbände. Nach einer Statistik von 1884 gab es damals 
deren 41 mit zusammen 434 550 Mitgliedern. Die Zahl der Mitglieder 
in nicht zentralisierten Lokalverbänden wurde auf 75 000 geschätzt, 
und weitere 200 000 gehörten dem gewerkschaftlichen Geheimorden 
der „Ritter der Arbeit‘ an. 
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