Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

die eigenartige Machtvollkommenheit der amerikanischen Richter, 
im offenkundigen Gegensatz zum Gesetzgeber diese unnatürliche 
Deduktion anzuwenden. 
Die Gewerkschaften gerieten dadurch in eine überaus bedrängte 
Lage; denn die konsequente Anwendung des Gesetzes im Sinne 
einiger Gerichtsurteile wäre ihrer Vernichtung gleichgekommen. 
Nicht nur die Teilnahme an jeder gewerkschaftlichen Aktion, 
sondern schon die blosse Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft 
wäre danach mit Gefängnis bedroht worden. Es versteht sich, dass 
die Gewerkschaften gegen diese ungeheuerliche Rechtsauffassung 
den allerschärfsten Kampf führten. Eine Reihe von Gerichts- 
prozessen beschäftigte die Öffentlichkeit aufs lebhafteste. Der 
bekannteste darunter ist derjenige, der aus einem Streik der Metall- 
polierer bei der Firma Bucks Stove and Range Co. in St. Louis im 
Jahre 1906 hervorging. Der Streik ging zwar durch Arbeitswillige 
verloren, aber die Firma fühlte sich weiterhin bedroht, weil sie 
von den Gewerkschaften auf die Sperrliste gesetzt wurde. Es 
gelang ihr, dagegen einen richterlichen Einhaltsbefehl, der sich auf 
das Antitrustgesetz stützte, zu erwirken. 
In der bewussten Absicht, den Rechtskampf bis vor die oberste 
Gerichtsinstanz zu tragen, forderte nun Samuel Gompers, der 
Präsident des Gewerkschaftsbundes, öffentlich auf, diesenEinhalts- 
befehl als eine gesetzwidrige Eigenmächtigkeit des Richters zu 
missachten. Die erwartete Anklage blieb nicht aus. Gompers und 
mit ihm Morrison, der Generalsekretär der Federation, und 
Mitchell, der Vorsitzende des Bergarbeiter-Verbandes, mussten 
sich vor dem obersten Richter des Staates Columbien verantworten. 
Dieser Richter Wright war offenkundig ein fanatischer Gewerk- 
schaftsfeind, und die Kontroverse, die zwischen ihm und den 
Angeklagten geführt wurde, war auf beiden Seiten von einer 
temperamentvollen Leidenschaftlichkeit getragen. Das Urteil 
lautete für die drei Angeklagten auf 12, 9 und 6 Monate Gefängnis. 
In der schriftlichen Begründung erklärte Richter Wright aus- 
drücklich, dass es sich nicht nur um den Boykott der bestreikten 
Firmahandele; vielmehr gälte es, „einer allgemeinen Verschwörung 
Einhalt zu tun“, als welche ihm die Gewerkschaftsbewegung 
erschien. „Es handelt sich um die Herrschaft der Ordnung über 
den Pöbel oder um die Demütigung der Ordnung unter den Füssen 
der aufrührerischen Massen“, schrieb dies amerikanische Seiten- 
stück zu dem deutschen Staatsanwalt Tessendorf sozialistengesetz- 
lichen Angedenkens in die Begründung hinein. Und wie sehr er 
sich als Matador im Vernichtungskampf gegen die gewerkschaft- 
liche Gesamtbewegung fühlte, geht aus einer anderen Stelle hervor: 
„Es besteht ein Konflikt zwischen den Verordnungen eines von der 
Federal-Regierung eingesetzten Tribunals und den Tribunalen einer 
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