Full text: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

6. Betonung der Berufsinteressen. 
Bei der praktischen Gewerkschaftsarbeit steht in Amerika die 
Vertretung der engeren Berufsinteressen weitaus an erster Stelle. 
Dahinter bleibt mehr als in Deutschland die allgemeine Arbeiter- 
Solidarität zurück, eine Erscheinung, die sich aus der unter- 
schiedlichen Auffassung über die Klassenlage und den Klassen- 
kampf leicht erklärt. 
Das wirkt sich einmal dahin aus, dass vorzugsweise diejenigen 
Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, die sich mit einem 
bestimmten Beruf fest verbunden fühlen, in der Hauptsache die 
qualifizierten Facharbeiter. Man wird sich erinnern, dass es auch 
in Deutschland und in anderen Ländern zuerst die gelernten 
Arbeiter waren, die den gewerkschaftlichen Gedanken begriffen. 
Von ihnen ging dann aber, angefeuert durch die Erkenntnis von 
der Notwendigkeit des gemeinsamen Klassenkampfes, eine starke 
Propaganda zur Organisierung auch der Ungelernten aus. In 
Amerika ist diese Antriebskraft erheblich geringer. Das Gefühl 
der Pflicht, für die Ausbreitung der Gewerkschaftsbewezung zu 
sorgen, beschränkt sich meist auf die eigene Berufsgruppe. Die 
Aufgabe, darüber hinaus die Organisation zu fördern, bleibt den 
allgemeinen gewerkschaftlichen Instanzen überlassen, die aber nur 
schwer vorankommen können, wenn die propagandistische Mit- 
arbeit bei der breiten Masse der Gewerkschaftsmitglieder fehlt. 
Obwohl die Notwendigkeit, aus der Exklusivität der engeren Fach- 
organisation herauszukommen, auf den Kongressen der Federation 
schon seit vielen Jahren erkannt und immer dringlicher betont 
wurde, ist die relative Beschränkung auf qualifizierte Berufsarbeiter 
doch heute noch ein auffälliges Merkmal der amerikanischen Ge- 
werkschaftsbewegung. Die Organisation besteht dort, wo sie ver- 
hältnismässig leicht zustande kommt; sie fehlt, wo der berufliche 
Zusammenhang ein lockerer und die Aussicht, durch den Zu- 
sammenschluss schnelle Erfolge zu erzielen, ein geringerer ist. 
Die gelernten Arbeiter sind verhältnismässig sehr gut, die un- 
gelernten dagegen im grossen Umfang überhaupt nicht organisiert. 
Im weiteren ergibt sich aus der starken Betonung der engen 
Gruppeninteressen eine starke Dezentralisierung der gewerkschaft- 
lichen Organisation. Möglichst jeder Beruf, auch wenn er noch so 
klein ist, ist auf seine organisatorische Selbständigkeit bedacht. 
So verteilen sich die 2 878 297 Mitglieder der Federation auf nicht 
weniger als 107 Zentralverbände und 436 selbständige Lokalvereine, 
während beispielsweise die mehr als 4% Millionen Mitglieder im 
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund Ende 1925 auf nur 
41 Verbände verteilt sind. Von den Zentralverbänden in der 
Federation haben 
296
	        
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